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tour_tagebuch

11.09.2026 Leipzig/Privatbehandlung in der Wunderbar

Im Rahmen eines Künstlers (499)

 

Nach harter Arbeitswoche im Brotgewerke, kurzer Probe, verstrubbelt und äußerst aus der Puste, steuert Doc Pichelstein an diesem Freitagnachmittag die Heimstatt des Doc Makarios an. Grundlos geschieht das alles nicht, gilt es doch heute erneut das selbstverordnete Sabbatical-Jahr zu brechen. Und das bereits zum dritten Mal. Kein geringerer als Aris Kalaizis, Deutschlands figurativster Maler, hochgepriesener Vertreter der Neuen Leipziger Schule, Meisterschüler Arno Rinks, Komplize Neo Rauchs, ein Sottorealist unter, nein, besser: in der Sonne des Herrn, ruft zum 60. Geburtstagsfest. Da durften die Russian Doctors wirklich nicht passen. Gemeinsam mit DJ und Soundcloud-Expertissimo Falk sollen sie heute in der Plagwitzer Wunderbar zur Rahmenbildung beitragen. Einmal im Rahmen eines Künstlers sein, so und nicht anders. 

 

Nun ist die Wunderbar, im Souterrain der Leipziger Gießerstraße 18 gelegen, keine Kneipe, sondern eher eine Oase, in der visionäres kreiert wird, ein eventfreudiger Coworking Space, den Pratajev über die Maßen gemocht hätte. Nicht nur wegen der kühnen Bar samt Buffet-Raum, dem Freisitz vorm Haus mit kredenzter Outdoor-Brutzelküche. Nein, er hätte die Wunderbar einfach deshalb gemocht, weil sie dem Dom Kultury von Igursk ähnelt. Das will was heißen! Sofern man den Aufzeichnungen der Wissenschaftler namens Rymov aus den späten 1960er-Jahren Glauben schenken möchte.

 

Wunderbar  

 

Kurzum - der sportliche Tourgolf wird entleert, geparkt, die Bühnenecke hergerichtet, die DJ-Anlage mit dem Docs-Equipment gekoppelt. Verheißungsvolle Töne strömen aus den Boxen, der Soundcheck gelingt nach leichten zwanzig Minuten, im Kühlschrank steht viel Bier. Pichelstein greift ins falsche Fach, öffnet ein alkoholfreies Störtebeker zum Verzehr. Der Irrtum wird erst bei Trockenlegung des Flaschengrundes gewahr. Aber gut, sehr lecker dennoch, da gibt es nichts zu deuteln. 

 

Unterdessen trifft feierfreudiges, stilvoll gekleidetes Volk ein, die Mehrheit ist beladen mit gerechten Geschenken, andere schlurfen bereits verträumt am Weinglas. Chemie Leipzig-Fans sind in der absoluten Mehrheit und ein Ex-Spieler steht später gar am Grill. Feilgeboten werden eigens hergestellte Würste mit dem Zaubergrün Estragon.   

 

Dass sich Aris und Doc Makarios seit Ewigkeiten kennen und gegenseitig schätzen, wusste Doc Pichelstein lange zuvor. Worauf diese Seelenverwandtschaft beruht, erfährt er im Party-Intro, ein einleitender Talk in Bühnennähe. Die beiden Vertreter einer musikalisch-künstlerischen Subkultur lernten sich bereits in den 1980er-Jahren kennen; Makarios beflügelte Aris einst im Offsetdrucker-Metier zum Malen. Dessen stilistischer Weg führte schließlich an die HGB, Makarios folgte musikalischen Brettern. Was gut ist, denn sonst hätte es die Docs nie gegeben. 

 

Das Buffet ist eröffnet. Teller füllen sich, es wird diniert, hach, lässt sich dieses eigentlich schwache Verb steigern? Man müsste "speisen", "genießen" murmeln. Mit gestopftem Mund. Vollen Bauches geht’s letzthin Richtung Bühne. Gäbe es Stoff, riefe jemand: Vorhang auf!

 

Platzhalter  

 

Da hält der Wind den Atem an! Los geht sie, die pompöse Pratajev-Reise, geplant wie geliefert wird am Ende ein knapp 1,5-stündiges Set, in dem Pichelstein der Sechsgeschossigen alles abverlangt, Makarios das Antlitz Pratajevs bei bester Laune klont, Hit an Hit gespielt, bester Whiskey gereicht wird. Dem Publikum gefällt's, es wird gejohlt, gefeiert, Künstlerbrot verteilt, am Rande gar getanzt.

 

So wünscht man sich das als Russian Doctor bis zur letzten Schnapsbar. Die den späteren Abend einleitet, der in wunderbaren Gesprächen unter gepriesenen Getränken mündet, nicht endet. Irgendwann kommt aber doch das unvermeidliche Funktaxi.

 

Lieber Aris, liebe Menschen aus dem Umfeld der Wunderbar, Schöpfer, Denker, Lenker, liebe Gourmetmeister, Euch allen gebührt ein kräftiger Doctors-Dank.      

       

08.08.2026 Dresden-Laubebast/Kollektives Biervergnügen

Hopfensprechstunde (498)

 

Jeden Morgen stellt sich dieselbe Frage: „Was hat uns die Katze heut wieder vor die Tür gelegt?“ Sommer ist dabei, null Niederschlagsmenge, warme Luft, heiße Werte und Doctor Pichelstein probt seit früh um acht an diesem Samstag. Das will schon getan werden, schließlich befinden wir uns mitten im Sabbatical-Jahr der Docs, heißt: eigentlich keine öffentlichen Konzerte spielen. Außer ein paar Privatbehandlungen. Na gut, heute obsiegt die Ausnahme. Schuld dran trägt das Hopfenkollektiv zu Dresden, eine kleine Handwerksbrauerei, die seit 2022 traditionelles wie experimentelles Flüssiggold feilbietet.

 

Als früh im Jahr die Einladung zum jährlichen Sommerfest, dem Kollektiven Biervergnügen zu Laubegast, eintrudelte, rief Doc Makarios Doc Pichelstein an - natürlich musste zugesagt werden. Da ließ Bierfreund Pichelstein nichts anders gelten. Vorm geistigen Auge bereits reimend: Aus Gerste stammt das helle Malz / Getrocknet, geschrotet, ohne Salz / Im Kessel kocht das Wasser heiß / Die Maische wandelt sich mit Fleiß / Ein Hoch auf Kessel, Fass und Krug / Vom guten Trank kriegt man nie genug (…) Flugs verstrich das Jahr, schon reisen die Docs polierten Zapfhähnen entgegen.

 

DLG1 

 

Dresden-Laubegast zeigt sich von seiner braufrischen Seite, als das mobile Lazarett der Russian Doctors am frühen Nachmittag eintrifft. Vor Ort gibt’s am frühen Nachmittag zunächst eine Führung inkl. Meet & Greet; Frau Juli stellt die Docs vor, trockene Kehlen werden benetzt, durchflutet, herrlich ist’s, die Sonne brennt. Auf der Bühne dampfen: 2 Hot und Freunde, Elbe-Jazz und Boogie-Woogie. Erste Pratajev-Sektionen treffen ein. Aus Pirna die Familien Imker und Pavlowitsch, aus Berlin der Eademakow und viele mehr, man steht sich in den Schuhen und reiht sich durstig wie beständig ins Schlangestehen ein. So muss es sein, beim Hopfendankfest 2026.

 

Um 17 Uhr befinden sich die Docs auf der Bühne, hinter sich einen Mittelwelle-Soundcheck, der einem Hürdenlauf nahekam. Es krachte, quietsche und die jungen, zuvor friedlich dösenden Technikusse mussten eingestehen, dass eine brandneue Software-Steuerung nicht unbedingt mit einer Anlage zur Beschallung des Publikums aus den frühen 90er-Jahren unfallfrei zu koppeln ist. Aber sei’s drum, mit dem zweiten Check-Liedchen „Fürchte dich nicht vor der Flasche“ befinden wir uns bereits im Konzert, das Publikum will es, dankbar legen die Docs gleich zu Anfang ein paar Schippchen drauf. Da hält der Wind den Atem an! Die Hopfensprechstunde ist eröffnet. Diagnose: Durst, Heilung ist die Antwort. 

 

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Doc Pichelstein prüft die Geschwindigkeit der Sechssaitigen, während Makarios die Stimmbänder eicht. Leere Fässer rollen vorbei, Nachschub kommt. Es wird geschunkelt, genickt, aus Bechern pariert, als gäbe es kein Morgen im Elbland. Vom „Rundblick vom Turm“ geht’s hin zu tiefschürfenden Trink- und Tierliedern, zum Gefolge Pratajevs. Eademakow spendet geistige Brände, ohne Frau Juli säßen die Docs schlichtweg auf dem Trockenen.   

 

Weil heute ohne Pause konzertiert wird, versucht Makarios den gesamten Fetisch-Block außen vor zu lassen, was in keinster Weise akzeptiert wird. Also doch: „Gefesselt gefällt sie mir am besten“, das Stimmungsbarometer kickt, derart beeindruckt verspielt sich Pichelstein glatt, kriegt den Bogen aber rasch und die rasenden Zupforgien nehmen neuerlich Fahrt auf. Bis zum Gärtner mit Bühnenrandsitzen, bis zur ersten Schnapsbar. Bis zur „Tasche“, bis zum ersten, zum nächsten Sachsen-Schlager („In dor Schlibbe“, „Geh heme“), bis zur letzten Schnapsbar, finalen Akkorden im Dämmerschein.

 

DAF3 

 

Die Docs verbeugen sich, liegen sich schweißnass in den Armen, mischen sich unters weiterhin durstige Volk, Pichelstein räumt die Backline zusammen. Mit den Hufen scharren bereits die Sea Salt Crackers; eine Rock- und Pop-Show steht in den Startlöchern.

 

Alsbald wird ein angetanes „Tschüss“ in die Runde geworfen. Es geht zum Tilo, dem Bassisten erster Die Zucht-Stunden, ohne den es später Die Art, Goldeck, The Russian Doctors nie gegeben hätte. Zum Herbergsvater Tilo, zur Herbergsmutter Beate, auf einen Balkon mit reich gedecktem Tisch. All das gleich um die Ecke. Und zu einer ziemlich aufgeweckten, sprechenden Katze ohne Türlegeambitionen. Resümee: Es war ein herrlicher, allerbester Abend, Danke, liebes Hopfenkollektiv. Dafür wird jedes Sabbatical gerne unterbrochen.

 

DAF4

 

 

  1. 16.05.2026 Pirna-Posta/Elbischer Elfengarten
  2. 28.12.2025 Leipzig/Stallwache
  3. 01.11.2025 Zwickau/Projekt 46
  4. 30.08.2025 Kulturfabrik Lina Koch / Ebersbach-Neugersdorf

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