Und ab Montag ist Lockdown (426)

 

Das Seuchenjahr 2020 kennt keine Gnade und der nahende zweite Lockdown verhagelt einem gehörig die Stimmung. Ab Montag schließen wieder Bars, Bühnen und Kneipen. Bis es weitergeht, vielleicht nur vorübergehend, werden Arschkarten verteilt. Für jeden Künstler eine. Kunst, vor allem die Musik, ist nicht systemrelevant, die gibt es außerdem kostenlos im Internet. Auf YouTube, Spotify usw. Das sind Plattformen, die Musiker enteignen. Für jeden Titel, der mindestens 30 Sekunden lang angespielt wird, gibt es pro Click, abzüglich Labelpauschale, ca. ein Jahr später satte 0,004 Cent bei der GEMA gutgeschrieben. Auf „chance.org“ fand neulich eine Spotify-Petition statt, die von 80.000 Menschen unterschrieben wurde. Titel: „Wir verlangen 1 Cent pro Song.“ Eine völlig übergeschnappte Idee. Noch Fragen? Nein, nur eine Antwort: Musik geht nur live, Musik geht nur auf Platte. Es sei denn, sämtliche Einwohner Indiens clickten das ganze Jahr über mit großem Eifer The Russian Doctors-Titel an. Da hätte man nichts dagegen, tun die aber nicht. Und das soll man dann genauso akzeptieren wie das Seuchenjahr 2020. PS: Wie sagen die Buddhisten vom Planeten Utopia so schön? „Finde deinen Frieden und wende dich positiven Dingen und Umständen zu …“ Also: rein ins Raumschiff, neue Welten entdecken.

 

 

Dass die Erben Pratajevs gestern schon unter Goldeck-Flagge bis zur Sperrstunde um 23 Uhr in der Leipziger Stallwache konzertieren durften, war alles in allem schon Wunder genug. 25 Gäste durften in Frank „The Tank“ Försters Desinfektions- und Schnapsparadies hinein. Eine rauschende Abstandsparty, die Doctor Pichelstein zu einem Übergenuss an Bulbash verführte. Kurzum: das Aufstehen gegen Mittag fiel schwer und geprobt werden musste auch noch. Er schleppte sich durch den Tag, stieg in die Maskenballbahn Richtung Moritzbastei und traf im Oberkeller seinen Technikmeister. Ende des Präteritums, Beginn des Präsens.

 

 

Die Bühne steht, alles leuchtet noch heller, als Makarios und Frank „The Tank“ anrücken. Wenige Kippen, einen Soundcheck und unwesentliche Kaltgetränke später, werden MB-Chili con Carne im Boa-Poster-Backstage teilverdrückt (Jaja, hier sitzt er immer, der Meister). Ans Chili zu kommen, war eine pandamiebedingte Tortour. Die Kellnerin (klein, zierlich und verpeilt) riet vorab, eine Karte zu nehmen, davon auszusuchen und die Bestellung aufzugeben. Wollte man das justament erledigen, schritt ihr männliches Pendant entschieden ein und rief, als seien Außerirdische mit langen, klebrigen Rüsseln gelandet: „Nicht die Karte anfassen! Nicht an die Theke kommen! Hinsetzen!“ Wo hinsetzen? Auf den Boden? Und was denn nun? Ende vom Lied: „Chili für alle!“ und Teilverdrückung wie geschildert. Dass es so was gibt, wusste man auswendig.

 

 

Mittlerweile naht der Konzertbeginn, der Oberkeller ist mit knapp 100 Hygienekonzept-Gästen weit gefüllt. Weit, weil Abstand gehalten werden muss. Von der Bühne aus betrachtet lassen sich Konturen erspähen. Ah! Brandenburg! Die Pratajev-Fraktion Zeesen und Umgebung ist da und wird mit dem imaginären Preis für die längste Anreise beschenkt. Punkt viertel neun (sprich: 20:15 Uhr für den Westen der Republik, von Rheinland-Pfalz bis Schleswig-Holstein) läuft das Intro und die Konzertreise darf beginnen.

 

Alle sitzen. Und schauen. Pichelstein gerät darüber rasch ins Schwitzen und spielt die Opener „Da hält der Wind den Atem an“, „Schwermut im Herbst“ und „Wodka Wodka“ recht schüchtern. Fühlt sich an wie eine Prüfungs- oder Einstufungssituation, in der alles besonders gut klingen muss. Fühlt sich an wie in der 8. Klasse, als beim Elternbesuchsabend „Walk of Life“ von den Dire Straits in der muffigen Aula aufgeführt wurde. Und diese Refrain-Stelle mit dem E-Gitarren-pläng-pläng-düdel-düdel (unter den Argusaugen des Musiklehrers) immer näher rückte und rückte und dann war sie plötzlich da … das Schlagzeug, die Flöten, der Bass setzten aus. „Pläng-pläng-düdel-düdel“ … der Musiklehrer strahlte und vergab Note 1. Der Beginn einer steilen Musikerkarriere. Smiley.

 

Als der Beifall brandet und sich warm ums Herzchen kuschelt, wird alles besser, herrlich, den Umständen entsprechend. Kleiner Wehmutstropfen: nur zwei maskierte Wodkagläser erreichen bis zur Pause die Bühne. Aber das soll egal sein, bis zur Sperrstunde gibt es Pratajev auf die Ohren. In Ehren ergraute Szenekenner, junges Volk mit oder ohne Mondbrille, aber mit dem Willen zum Wahnsinn gesegnet, bilden die Triebfeder.  

 

 

Die Sperrstunde im Nacken geht’s in den zweiten Konzertblock. Der „Raucher von Bolwerkow“ schwebt merklich über allem, Pratajevs besungenes Gefolge wird mit einer Welturaufführung vom kommenden Album bereichert, ab sofort ist „Der Faule“ mit von der Partie. In Erinnerung bleibt ein wunderschöner Tote Katzen im Wind-Chor, bleiben Gitarrenhöchstgeschwindigkeiten, die Zugaben, der Jubel, die Schnapsbars, sehr glückliche Gesichter unter Masken. Gerne würde man sich am frühen Ende des Abends heftig und vielerlei umarmen, doch das geht nicht. Und ab Montag ist Lockdown. Stallwache: dicht. Moritzbastei: dito. Spotify: 23 Clicks für „Junge Burschen Tanzen“, 34 für „Der Impfer.“

 

Als Pichelstein ins Taxi steigt, mauzt von irgendwoher ein gewiss träger Speckfuchs von einem Kater. Wir möchten uns an dieser Stelle beim Konzert-Team der MB bedanken und uns allen eine Zukunft mit besseren Zeiten wünschen. Bleibt gesund! Trinkt Bulbash! Wir sehen uns gesund und munter wieder! Es muss nicht sein, dass das Leben schlecht ist, weil schlechtes Leben nicht gerecht ist.

 

 

Herrliche Gartenarbeit (425)

 

Zeesen ist ein wassernaher Ortsteil Königs Wusterhausens im Landkreis Dahme-Spreewald, verortet im Berliner Speckgürtel. Wer es schön haben und von der Großstadt nicht komplett lassen kann, wohne genau hier. Mittlerweile sind die Grundstückspreise, getreu der boomenden Nachfrage, allerdings ins Unermessliche gestiegen. Wohl dem, der bereits seit Jahren hier lebt, der aus einer kleinen Datscha ein wunderschönes Haus mit Garten und umlaufender Terrasse zauberte. Der hat es gut und jeder Gast staunt. Ist auch manch jüngst zugezogener Nachbarmann früh am Abend übel gelaunt, wenn mehr als eine Grille zirpt oder ein Specht hämmert. Dann wird grimmig losgeschlappt, der Geräuschquelle auf den Grund gegangen und Zeter und Mordio geschrien. Weniger gleich vor Ort, mehr noch per Durchsage beim Ordnungsamt. Dagegen ist ein Kraut gewachsen: Im Geheimen lohnt es sich, Bekannte in Telefonzentralen zu wissen, die coole Sätze wie: „Die Veranstaltung ist genehmigt“ murmeln und somit erst einmal Ruhe in der Leitung ist.    

 

Hier, in Zeesen, werden die Docs heute ein pratajevsches Klanggewitter zelebrieren. Ein Segen in dieser schweren Corona-Zeit. Bei rund 30 Grad, was bereits auf der stauumfahrenden Anreise über Land (mit Schlusskilometern auf der A 13) den Entschluss zementiert, erneut, und zwar zum rekordverdächtigen dritten Mal hintereinander, in Kurzhosen aufzutreten. Das hat es in der langen Doctors-Geschichte noch nie gegeben.

 

 

 

Apropos „stauumfahrende Anreise über Land“: Der Glaube daran, dass Wörter wie „Dorfschönheit“ kürzlich aus dem Duden verbannt wurden, weil es keine Dorfschönheiten mehr geben soll, ist zumindest hinter Herzberg nicht von der Hand zu weisen. Am holprigen Wegesrand sah man lediglich gebückte Mütterchen mit Margot-Honecker-Farbfilm-Frisuren. Die Dorfschönheiten schienen allesamt in die nächste Große Kreisstadt verzogen zu sein. „Dorfmütterchen“ darf ergo getrost weiterhin Teil des Dudens bleiben.

 

Honoré de Balzac kritzelte einst auf schnapslastiges Tischpapier: „Man lebt zweimal: das erste Mal in der Realität, das zweite Mal in der Erinnerung.“ Grund genug, einigermaßen akribisch Tourtagebuch zu führen und so soll diese Erinnerung als herrliche Gartenarbeit immer im Gedächtnis bleiben.  

 

Rüdiger ist das Geburtstagskind, ein 50. Ehrentag wird begangen, und man möge sich noch bis in alle Ewigkeit sagen: er strahlte vor Freude. Ausgerichtet wird die Party samt Privatkonzert von Conny, Dani und Veronika - und um es gleich vorwegzunehmen: Fürst Fedja zählt heute einmal mehr nicht zum Pratajev-Tross. Leider. Der künftige Barbesitzer steckt weiterhin bis über alle Ohren in Arbeit und darf auf keinen Fall unplanmäßig verunfallen. Dieser Job wird später Connys Göttergatten (beim doppelten Gleisbett-Rittberger mit Notaufnahme-Touch in der Kür) übergeholfen. Wir hoffen, dass alles Wichtige heil geblieben ist. Gute Besserung an dieser Stelle. Am mitgebrachten Bulbash wird es kaum gelegen haben.    

 

   

 

Nach einer Welle von Kaltgetränken, leckerem vom Buffet nebst göttlicher Grill-Ernte spielen die Docs ein erstes Set und tatsächlich taucht nach wenigen Minuten einer dieser neuen Nachbarn auf. Keiner hat ihn je zuvor gesehen. Ein Schwabe mit übertriebenem Ego mitten in Zeesen? Möglich wäre es. Die Docs ficht das nicht weiter an, das Set spielt sich wie von selbst.

 

Je dunkler es wird, desto mehr Jubel brandet auf. Makarios und Pichelstein musizieren sich in einen glücklichen Rausch und grinsen derweil. Pratajevs Lieder und Texte werden auf anekdotische wie nostalgische Weise in den grün-rot-lila angestrahlten Himmel gebeamt. Auf der schnellsten Akustikgitarre der Welt vermählen sich Akkorde zu tanzbaren Hits, was nach der Pause nur noch schöner anzusehen und zu hören ist. Ein Chor der Toten Katzen brandet auf und schließt nach dem Ratten-Reigen. Die letzten Lieder werden als Pianissimo-Zugaben dargeboten, doch wer dachte, das war es mit der Livemusik, wird getäuscht.

 

 

In den frühen Morgenstunden kramt Pichelstein die Gitarre am „Tisch der Letzten“ noch einmal aus dem Koffer. Gestählt durch eine unwirklich perfekte Hals- und Rückenmassage gibt es Goldeck und Die Art auf die Ohren. Verwackelt, verschroben und mittenmang mit einem Gläschen in der Hand. Bis das letzte Fünkchen Fitness tatsächlich aufgebraucht ist und ein Billardzimmer kuschelige Heimstatt wird. Danke, danke, danke!    

 

 
 

Fotos 1 & 3: Veronika

 

 

 

 

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