Das altersbedingt verspätete Jahresendkonzert (416)

 

Nicht immer kann man Termine einhalten. Und so nimmt das altersbedingt verspätete Jahresendkonzert 2019 eben erst am Freitag, den 17. Januar 2020, seinen Lauf. Mittenmang weilte Doctor Makarios unter verdienter Mittelmeersonne, kam erst der Coca Cola- und dann der Weihnachtsmann, zuletzt der Böllerteufel. Schon steckte das geschundene Wintergemüt mit seinen ach so kurzen Tagen im Januar fest. Ein Monat zum Vergessen, wie der kommende Februar. Gäbe es kein Eishockey, keinen Glühwein dazu, würde sich das Leben wie eine 0:10-Niederlage gegen Halle anfühlen. Jeden Tag, von morgens bis abends. Im März wird es vermutlich aus Federbetten schneien, wenn die Doctors im Leipziger Bandhaus das wahre Jahresanfangskonzert 2020 spielen.  

 

„Wer Frau Krause betritt, reist in die Vergangenheit. Denn die Einrichtung der kultigen Connewitzer Eckkneipe ist seit den 1950er-Jahren praktisch unverändert. Vorm Tresen steht ein abgewetzter Treteimer, hinterm Tresen, am Zapfhahn steht Chefwirt Peter König, Kapuzenpulli, Dreitagebart, sonniges Gemüt …“ so steht es vermutlich irgendwo geschrieben. Und wenn nicht, dann eben hier.

 

 

 

Pichelstein ist vor Ort, in der Frau Krause, dem Lieblingswohnzimmer der Doctors. Kaum angekommen wird ein Staropramen gereicht. Peter schritt damit zuvor bedächtig über dunkles Linoleum und stellt den Krug nun auf einen der abgeschrammten Tische ab. Pichelstein dankt wie es Konformisten tun, die sich den lieben langen Tag auf ein solches Momentum der Gemütlichkeit gefreut haben.

 

Ein Scheppern. Ein Techniker, der die Bühne fertig bestückt hat. Ein Frank The Tank und ein Doctor Makarios stehen im Raum. Contenance! Ein Rundblick, ein Soundcheck, ein Drink, ein Becherovka, ein großes Hallo und ehe man leckere Schnitzelteller verdrückt hat, füllt sich die Krause, wabern Rauchschwaden entlang an holzvertäfelten Wänden, bestückt mit historischen Bildern. Gefühlt startet das Konzert in wenigen Minuten, in Echtzeit sind es noch zwei Stunden. Oh, Peter, schaff den Wodka heran. Gesagt, getan. Das Volk ist durstig und das Volk, sogar jenes aus Hipsterlanden, dankt und schwankt. 

 

 

Besagte zwei Stunden später hat man Hände geschüttelt und gerührt, geküsst und geschmatzt, sind all jene äußerst glücklich, die mit frohen Erwartungen herkamen und vom Irrsinn der Welt erstaunlicherweise ungebrochenen wirken. Denn, potzblitz, geht’s Konzert los. Natürlich mit dem „Rotarmisten“, das ist Krause-Tradition. Makarios geleitet durchs Set und erblickt ganz entzückt eine nie dagewesene Holzlöffel-Dichte. Es wird gewunken und nach Suppe gelechzt. Nach harten Wirtinnen Ausschau gehalten bis sie platzt, die erste Saite auf der Schnellboliden-Gitarre. Pichelstein hat zu tun. Makarios liest Pratajev von überirdischen Lippen ab. Pratajev, der die Stirn besaß, mehr Menschen glücklich zu machen, als jeder andere noch so bekannte Dichter. Und das Publikum im Saal, gefüllt wie eine goldene Galeere, voll wie eine Mannschaft auf See, eskaliert. Es ist ein Spaß, ein super Spaß und alle haben sich lieb. Selbst die Hipster aus der letzten Schankreihe denken laut: "Du liebe Güte bin ich NICE, fast hätte ich gelächelt und mit dem Fuß gestampft."

    

 

Pause! Am Ausschank werden erste Fässer ausgetauscht, am Merch ist Butterfahrt. Rote Platten werden mit roten Filzstiften unterschrieben. Wer gestern beim Frisör war, müsste morgen wieder hin. Wilde Ergotherapeutinnen tanzen mit nicht minder wilden Psychologiepraktikantinnen. Ach, Frau Krause, Du Sammelsurium leidenschaftlicher Sujets. Es blinken die Ratten und jemand schreibt beim Pullern auf dem Herrenklo einen schlauen Satz auf eine Fliese. Für die Nachwelt. Für all jene, die heute nicht da sind. Kann es dafür Gründe geben? Nein. Aber gut, wo hätten jene hingesollt, die heute nicht da waren? Eben.

 

Zweiter Block, die nächsten 20 Pratajev-Weisen warten. Alles kulminiert mit dem rekordverdächtigen Krause-Chor der „Toten Katzen im Wind.“  Kurz überlegt Pichelstein, ob er zum Crowdsurfer umschult und ins Publikum springt. Doch besser nicht, denn es gilt das Konzert nicht über den Notaufnahme-Umweg in die Zugaben zu retten.

 

Ehe man sich versieht sind die Feldmänner zur Schnapsbar gewandert, probieren die Doctors neues Liedgut aus, heißt es: „Heute gib es Hack“ bis zur nächstbesten Veggi-Gulasch-Bude. Frank The Tank lässt die Doctors verdursten, kein Bulbash wird mehr zur Bühne gereicht. Inneres Bulbash-Yoga gleicht den Verlust aus. Man muss dazu nur mit dem Rumpf tanzen, schon ist die Welt ein Glücksgebot. Die Sterne stehen schick am Himmel. Sternhagelvoll sind ihre Propheten. Sterne sind Sonnen. Sonnen sind Menschen, die bei einem Doctors-Konzert verweilen. Und wenn gerade keines stattfindet, findet man diese Menschen in der Frau Krause. Beim Peter, dem König. Lange lebe er. Lang leben die Sonnen und Menschen.

 

PS: Ein Tourtagebuch feat. Musik und Dichtkunst mit therapeutischer Wirkung lässt sich nach einem Krause-Abend nur im stoffgebundenen Zustand erhöhter Lebensfreunde schreiben. Wir danken an dieser Stelle der Firma „The Tank Company“ für die hilfreiche Zuarbeit.       

 

 

 

     

    

   

 

Blutpenis in Fick-Pieschen (415)

 

An diesem Nachmittag werden die kleinsten Tankstellenbockwürste, die jemals auf einer Konzertanreise feilgeboten wurden, in Leipzig-Grünau aufgetischt. Der junge Mann am Schalter ist sich aber sicher, dass es bei Würsten nicht auf die Länge ankommt, sondern auf das Gewicht. Und das sei doch in der Mitte ganz ordentlich. Beide Doctoren nicken, wie man so nickt, wenn einem Bären aufgebunden werden. Wie zwei vom Irrsinn der Welt erstaunlicherweise ungebrochene Menschen. Cool wie Mafia-Bosse und so weiter und so fort. Entscheidend ist wohl der Wurst-Maß-Index (WMI) und exotischer geht es nur beim Asiaten zu, wenn sich folgende Frage stellt: Isst das Auge mit oder isst man das Auge mit?    

 

 

 

Es ist November und alles, was man vom Monat November kennt, trifft glatt zu. Bei all der Kälte und Nässe streift tropfend in Thüringen seit gut fünf Jahren Maggie im Jonastal bei Arnstadt herum. Maggie ist ein Schaf, ein herrenloses, ein ungeschorenes. Auf 20 Kilogramm wird ihr Wollebalast geschätzt. Da es sich um ein Hausschaf handelt, fällt die Wolle nicht ab, sie wächst weiter. Maggie ist ein wandelndes Knäuel. Ihr Eigengeruch schreckt Wölfe ab. Mit diesem Gedanken, bei klarem Verstand, kurven die Docs gen Dresden. Durch Nebelwände, ohne Fürst Fedja, denn der King of the Wodka-Kongs weilt in Weißrussland.

 

Das Ziel der Reise ist der Club „Zeitgeist“ im Stadtteil Pieschen, westlich der Innenstadt gelegen. Pieschen. Das klingt ein wenig anrüchig. Noch anrüchiger wird es, wenn man eine Chronologie über Pieschen aufschlägt und liest: „Böse Zungen benamsten den Stadtteil einst Fick-Pieschen, und das zu Zeiten, in denen sehr viele kinderreiche Arbeiterfamilien dort beheimatet waren …“

 

Fiktiver Dialog: „Alte Kamellen“, rufen die Bewohner des Viertels. „Heute heißt es doch: Brech-Pieschen. - „Wieso?“ - „Die Kinder werden immer weniger, denn die Leute vertragen keinen Schnaps mehr und brechen überall hin. Werdet Ihr sehen, nach dem Auftritt der Russian Doctors.“  Gesagt, gesehen am Morgen danach und genug, denn wir sind hier nicht in einem Vorschaufilm, sondern im Tourtagebuch.

 

 

Frau Schaf, nicht die Maggie, nein, Mrs. Anni Schaf und Crew begrüßen die Docs und zack steht das erste Kaltgetränk auf dem Tresen. So wünscht man sich das. Ist denn schon wieder Weihnachten? Aus dem Saal heraus donnert die Base-Drum; Andi Valandi & Band soundchecken. Es mixt der Sebastian, ein Guter. Nie war der Sound zuletzt in Dresden schöner. Ach ja, Andi Valandi & Band! Heißsporne! Mit Umhängekeyboard und Mundharmonika, fetter Gitarre und bester Laune. Heute im Zeitgeist: Dark-Doom-Schlager trifft Krautblues, Wodka trifft Sterni, Doctors treffen erstmal auf Andi Valandi & Band. Das passt sehr gut zusammen, alchimistische Doctoren und verruchter Bluesrock. Eskalation meets Harmonisierung. Darauf einen Becherovka vorm eigenen Soundcheck und die Nebelmaschine macht „pfff.“   

 

 

Der Club füllt sich, die Starterklappe wird um 20:30 Uhr knallen. Man hat zu tun. Lecker speisen, trinken, schwatzen. Immer mehr Freunde der Miloproschenskojer Pratajev-Oper trudeln ein. Bald ist kein Durchkommen mehr. Pichelstein sortiert die Bühnengetränke, Makarios schnappt noch frische Luft. Herz da, Kopf da, das Intro läuft, kann losgehen. Von nun an heißt es: „Wiege Deinen Rumpf“ und „Wodka Wodka“ und natürlich erzählt Makarios die Geschichte, warum am Ende des Abends und sowieso kein Mensch brechen sollte. Die bereits überlieferten, ganz und gar gegenteiligen Spuren sprechen allerdings eine andere … Sprache ja wohl nicht. Groß ist die Freude, wenn das Schnapsmädchen zur Bühne eilt. Pichelstein ist auf Punk gebürstet und bricht alle Rekorde. Es knallen die Saiten, die nächste Gitarre wird zur Arbeit gerufen. Herrlich. Pratajevs lyrisches Erbe schlummert in Vulkanen, die jederzeit explodieren können. Heute ist Vulkantag und vor der Bühne tanzen erhitzte Gemüter, singen „Tote Katzen im Wind“ und all das ist schön wie ein flirrender Abend im sommerlichen Miloproschenskoje. Eine Pause von Zuhause.

 

 

 

Nach knapp zwei Stunden soll es gut sein, nach einer Hand voller Zugaben räumen die Doctors klatschnass die Bühne. Im weiteren Verlauf des Abends ist von einem Blutpenis die Rede. Nicht von einem Zehn-Zentimeter-Sportschniepel, nein, von einem Blutpenis. Selbst später, im Hotel Amadeus, weiß keiner der Doctoren, wer auf so etwas kam. Vielleicht erinnerte man sich im Zeitgeist an die Fick-Pieschen-Geschichte. Vielleicht war dereinst mancher Arbeiter mit einem ausreichendem Wurst-Maß-Index (WMI) bestückt und sorgte für reichlich Nachwuchs. Der Preis war ein Blutpenis. Ausgestellt in der Frauenkirche. Geweiht und gesegnet. Womit sich der Kreis dieses Tourtagebuches mehr als geschlossen hat.  

 

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