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tour_tagebuch

16. Dezember 2015, Leipzig/Privat im Poniatowski

Research Fellows, Back Officers, Core-Teams: Hoch den Josef! (338)

 

Ein Mittwochabend im Leipziger Grafikerviertel und die Zeit der Weihnachtsfeiern macht auch vor den Doctors nicht Halt. Für Unkundige: a) örtlich wird hier die Leipziger SOKO gedreht, das vormalige UpArt-Büro ist nicht fern, bis Weltkrieg II tummelte sich Tür an Tür reichlich renommiertes Verlagswesen und b) Weihnachtsfeiern finden vor dem 24.12. eines jeden Jahres statt, um auch außerhalb des Büros die Trinkgewohnheiten der Kollegen intensiver kennenzulernen. Mitten in der Woche. Da reicht Doctor Pichelstein für den nächsten Tag besser einen Urlaubsschein ein. Das Experiment: Nach einem Doctors-Konzert, vielleicht mit dem Weckerschlag sieben, zu irgendeiner weiteren Arbeit zu müssen, hat es im Übrigen noch nie gegeben. Besser ist das.

 

Der Konzertanlass ist schnell erzählt: Deutschlands innovativste Denkfabrik, angeführt u.a. vom verehrten Pratajev-Ehrenmitglied Winogradow, mietete sich ins Poniatowski ein (Leipzigs No-1-Adresse für polnische Spezialitäten in fester wie flüssiger Form), Hand-Out folgte per E-Post (Auszug: 17 Uhr: Ankunft der Doctoren, 18:15 Essen, Essen, Essen: alles á la carte usw) und schon gibt’s volle Gläser mit dem Stillen Josef drin. Das ist ein ganz herrlicher Wodka, der sich einst an reinstem Roggen rieb und keinem Kartoffelkäfer zu nahe kam. Die Frage, warum Doctor Pichelstein am nächsten Tag eine ganze Flasche davon im Auto fand, muss indes unbeantwortet bleiben. Wichtiger war und ist es ja auch, selbst die Nacht nicht im Auto zu verbringen. Aber! Passiert nicht, denn die Doctors fanden bekanntlich vor einiger Zeit in Fürst Fedja einen wahren Hirten, einen Retter, der die Not immer kommen sieht und sie gar nicht erst zulässt. Schlagzeilen wie „Russischer Doctor auf dem Weg zum Klo verschwunden“, „Russischer Doctor auf Parkbank gefunden“ oder „Russischer Doctor erleidet Trauma in Senioren-FKK“ finden somit gar nicht statt.



Anderes findet hingegen gerne statt: Die Eröffnung der Weihnachtsfeier. Der General Manger, die Free Agents (um den US-Sport-Jargon zu bemühen), hochwohlgeborene Mitglieder der Pratajev-Gesellschaft, alle werden befeiert. Es folgen volle Teller, volle Gläser und dann wird daraus was? Genau. Noch vollere Teller, noch vollere Gläser. Beizeiten schauen sich Makarios und Pichelstein an: „Warum sind wir nochmal hier? Ist so gemütlich.“ Aber nun, ab in die Kellerbar. Schlag 20 Uhr stehen die Herzensteams Pate, beginnt der Reigen. Pratajevs Landleben blüht mitten im Winter auf. Eine Freude ist’s und zwischendrin wird Winogradow von den Doctoren eine echte, endemische Stolle verliehen. Möge sie sehr gemundet haben. Weiter geht’s in den Fetisch-Block, zur Harten Wirtin und ja, natürlich, Pichelstein gewinnt die Krone des „schnellsten Akustikgitarristen aus Leipzig-Süd-Ost“.



Es folgt der vollmundig angekündigte und vorab herrlich ausklamüserte „Pratajev-Rezitationswettbewerb“. Die einmalige Chance eines jeden Fellows, einer jeden Back-Officerin großes Können in russischer Vortragskunst unter Vertrag, bzw. unter Beweis zu stellen. Vor großem Publikum, und los geht. Die fachkundige Jury besteht aus den Herren Fürst Fedja, Makarios und Pichelstein. Letzter übernimmt die Moderation in klarstem East-Coast-Slang. Zwischendrin fließt der Josef. Auch wenn er den Beinamen „Stiller“ auf dem Label trägt, so sorgt er eindeutig für gegenteilige Geräuschpegel im Rund. Sehr gut.


Am Ende der Zeremonie wird gewonnen, zerronnen und wieder gewonnen. Weiter geht’s mit dem Konzert, mit dem Rotarmisten, dem Wind, der den Atem anhält. Frösche folgen Bibern, Hennen und Katzen und in der Zugabe? Weiß der arme Sünder, was noch gespielt, was noch vertrunken wird, resp. wurde. Winogradow schnallt sich zuletzt einen Sechs-Saiter aufs Knie und legt mit voller Kufe, in einer Melange aus Neil Young feat. Hannes Wader, los. Mit letzten Kräften wird die Backline (tata! plus katalogneuer Anlage zur Beschallung des Publikums – schwere Boxen schleppen is‘ ja auch sowas von retro) abgebaut und verladen. Noch einen Josef, einen großen Dank an alle, ein Herzchen hier und da und schon schnappt die Nacht nach allen noch verfügbaren Erinnerungen des Tages.


 

27. November 2015, Leipzig / Frau Krause

Kein rosa Eimer für den Morgen danach (337)


Ripple the mesh, tickle the twine! Rim! Rim! Rim! Coast-to-coast-Forecheck im Powerplay entlang der Boards, feindliche D-Men werden wie Pylons umkurvt. Ein Slapper aus dem Corner, der Goaltenders friert den Rubber ein. Der Clapper ist da, das Waffleboard glänzt. Es geht rund am Bullypunkt in der Attacking Zone. Der Pointman mit einem Fancy Move, ein Deke-it-like-Gretzky dem Stay-at-Home Defender, im hohen Slot brennt‘s lichterloh. Die Diamond-Box hält – doch dann: Lücke vorm Goalmouth, Tendy im Screenshot, der Puck landet Upper Deck, wird zum Cheese, zum Bottle Knocker. Light the Lamp! Biscuit in the Basket! Buzzer!


Ja, Doctor Pichelstein, Verfasser der allermeisten Tourbuchzeilen, war zuletzt mit derlei Poesie ein wenig abgelenkt und schrieb ein neues Fachbuch. Er ist ja auch, O-Ton Makarios „Der schnellste Eishockeypoet der Welt“. Also nicht nur der „schnellste Akustikgitarrist der Welt“. Und brach somit erstmals das pratajevsche Tagebuch-Gesetz: „Schreibe auf was du erlebst, schreibe es rasch auf, denn sonst hast du alles schnell vergessen“. Nun gut, knapp vier Wochen nach dem Geschehen in der Frau Krause (Anlass: Das große Jahresfinale der Russian Doctors) ist hoffentlich noch einiges Wissen in der grauen Hirnzell-Froste konserviert. So schalten wir rasch zurück in die Gegenwart.


Den Jena-Abend noch in den Beinen tritt Pichelstein aufs Gaspedal, die Simildenstraße im Leipziger Sweet-Süden zu erreichen ist ein Kinderspiel. Solange dortselbst keine Mülltonnen brennen und Straßenbahnhaltestellen mit dem Politbüro der Partei „AFD“ verwechselt werden. Der Regen prasselt, die Backline ist schwer und traditionell bricht Pichelstein vorm Tresen in der Krause nach all der Schlepperei zusammen, wird mit einem Bierchen versorgt und getröstet. Die Tröstung geht so: „Wer lässt denn da wieder die Tür offen? Tür zu!“ Nach dem ersten Gelbschnaps steht die Bühne und so soll es sein, es treffen ein: Die Herren Makarios und Fürst Fedja. Rasch ein Soundcheck, dann zum Schnitzelteller – trotzdem das Konzert erst um 22 Uhr beginnt, sind bereits zwei Stunden zuvor die besten Plätze belegt. Alle Saalbewohner packt der Hunger, sie wollen Schnitzelteller und dann gibt es die frittierten tischtennisschlägergroßen Leckereien nur noch als vegetarische Variante. Doch der Nachschub reißt nicht. Berlins Eademakow hat gar sehr viel Lob dafür übrig.

 


Gebissschnitzerschnaps steht heute auf der Präsentierkarte des Gurt Kaktus; die Freude ist groß, als der nordelbische Pratajev-Forscher himself die Bühne mit Feldfrüchten dekoriert. Dass man die genannte Schnapssorte aus dem Nachlass des Holzkünstlers Bermasik auch mit Wooster-Sauce als kleines Schmankerln zu sich nehmen kann, wird erst später zum Bekenntnis des Peter Richter werden. Nacktschnecken-Ingredenzien hätte Fürst Fedja dem weitgereisten Freund aus Wismar sicherlich ebenso andrehen können. Doch die Zeit der Nacktschnecken ist im Spätherbst (besonders auf Stränden und Fahrradwegen) vorbei.


Wen soll man alles aufzählen? Wer ist heute da? Ach, lassen wir’s. Alle. Von der Plüschblinkrattenliga bis zur Holzlöfflerfamilie über die Karl-Marx-Stadt-Rosa-Eimer-Fraktion einfach alle. Tierärzte, der Club der schönen Mütter, Lehrer, Schüler, Techniker, Ingenieure, Ärzte, sehr junge Schwestern, Bäcker, Psychologen. Biberzüchter, Verleger, Tüftler (Ja! Ein Pratajev-Spiel wie beim Monopoli! Das fehlt der Welt! Die Karten lesen sich vielleicht so: „Du hast in den Froschteich von Miloproschenskoje gepullert und bist dabei von Kommissar Igor Pavlowitsch mit Schrot beschossen worden: zweimal aussetzen und darunter 17 Bulbash-Schnäpse mit den Veterinären aus Murmansk trinken“) …. Und wer nicht kommt, der trägt gute Gründe vor, hat hohes Fieber oder leidet unter einer schwarzen Haarzunge. Und wer nicht kommt zur rechten Zeit, der muss Pogo tanzen, um vor der Bühne anzukommen. Die gute alte Liebe Frau Krause platzt bereits lange vor dem Intro aus allen Nähten. Die Wahrscheinlichkeit heute einer trunkenen Kollarbiergelegenheit anheim zu fallen, liegt beim Gros der Gäste im 100%-Bereich. Den Ausreißer nach oben gibt heute der Hausmeister. Aber das ist okay so, schließlich macht er sich gleich auf zu den Kollegen der Dritten Wahl ins Werk2. Ob er dort jemals ankam, ist nicht überliefert.



Überliefert ist indes ein Konzertstart. Die Lichtschwerter flackern, Makarios bittet die Feldmänner zum Tanz, Pichelstein zieht das Tempo an und scheppert drauflos. Scheiß auf heile Finger, mögen die Stahlsaiten heute nur nicht zu grausam sein. Vorweg: sind sie nicht. Gab es im letzten Krause-Jahr noch eine Blutgitarre zu bewundern, weil Bob der Fuscher die Pflaster-Protektoren anlegte. Merke: Das macht man als Gitarrist auf der Überholspur nämlich lieber selbst. Und so reiten sie dahin, die Wellen, die Ohrwürmer, die taumelnden, ganz und gar nicht gewürzscheuen Menschen im Saal. Fürst Fedja hat alle Schwanenseemühe die Schnapslieferungen heile bis vor die Bühne zu balancieren. Ausdrücklich darf geraucht werden und bevor der Gong zu Pause anschlägt ist die erste Flasche Gebissschnitzerschnaps aus der Schwarzbrennerei Kaktus nur noch ein Wermutstropfen (weil alle).


 

Aufrichtig geht’s weiter, Makarios wirft Pratajevs Leben mit ganzer Ausdauer in die Waagschale, Pichelstein gibt den Prumski, verfehlt den olympischen Schnellspielrekord jedoch um wenige Umdrehungen. Wäre jemand vom Finanzamt im Publikum, er würde rufen: „Ach ist das heute doch wieder eine wahrhaft vergnügungssteuerpflichtige Veranstaltung!“ Tja, Qualität im Kader zeichnet sich aus. Das gilt nicht nur fürs Eishockey, nicht nur für die Russian Doctors, das gilt in erster Linie dem wahnsinnig genialen Publikum. Es trägt die Docs bis in die Zugaben hinein, es singt mit, es kann sogar Dreivierteltakt-Kanon. Ob in Sandalen, High Heels, Stiefeln, Dackelleder-Slippern oder Schnellfickerschuhen. Kleiner Scherz, letztere trägt niemand. Wir befinden uns ja nicht auf der Touristenmeile der Leipziger Südvorstadt, dort, wo der gemeine Land-Muldentaler Tarzan spielt und mit kletterhallengestähltem Corpus Touran (samt neuster Testosteron-Technologie) angibt wie ein Sack voller Flöhe. Nein, wir sind in der Frau Krause. In „Frau Krause ihre Straße“. Bei den Guten, bei den Wilden, bei den Tänzern, Trinkern und Träumern. Mag die Welt außerhalb dieser heiligen Mauern noch so böse sein.

 

„Kein rosa Eimer für den Morgen danach“, lautet der hoffnungsfrohe Slogan der Karl-Marx-Stadt-Fraktion nachdem die allerletzten Zugaben verklungen sind. Und so kommt es dann auch. Erstmals wird nach einem Krause-Konzert in der Behausung Pichelstein rund ums Gästebett nichts verbrochen, sprich: gebrochen. Ganz im Gegenteil. Der Zufuhrpegel peilt fürwahr diametrale Richtungen an. Zu Depeche Mode, zu den Pet Shop Boys wird getanzt, Eademakow in der Mitte, Schnapsglas voran. Eine magische Nacht voller schlotternder Knie. Nur über den Tag danach (Kochen bei Olaf) hüllen wir besser den Mantel des Schweigens. Fürst Fedja und Pichelstein hinkten der Zeit lange hinterher.



  1. 26. November 2015, Jena / Alster
  2. 17. Oktober 2015, Leipzig / Noch Besser Leben, Vernissage: Der Maler Pratajev – Die Petroperbolsker Sammlung
  3. 10. Oktober 2015, Berlin-Karow, Privat in „Pankgrafens Kleine Residenz“
  4. 25. September 2015, Berlin/Schokoladen

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