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tour_tagebuch

10. Oktober 2015, Berlin-Karow, Privat in „Pankgrafens Kleine Residenz“

Deo, wir fahren nach Leutzsch (334)


Ist das gemein. Die Sonne strahlt gelb, dick und zufrieden wie ein betrunkener Chinese am südseeblauen Himmel. Nur warm wird einem drunter nicht. Die Russenpeitsche hat weite Teile der bunten Republik unter ihrer Knute und die Doctors frieren beim Einladen des Equipments sehr. Gleich danach geht’s zur Bockwurst an die Total zu Studier- und Probierzwecken. Studiert werden die typischen Tankstellenkunden einer größeren Stadt (das sind keineswegs die langweiligen Tanker, sondern mehr so Menschen mit vom Schnaps demoliertem Gesicht). Probiert werden, na klar, Bockwürste mit goldigem Senf. Kein Tropfen davon landet in den schwarzen Textilien. So ein Glück. Für die nächsten zwei Stunden gilt es erneut, Sächsischunterricht zu nehmen (Pichelstein) und Frank „The Tank“ im Angesicht schrecklich fahruntüchtiger Autobahngesellen am Steuer zu beruhigen (Makarios). Denn wie heißt es so schön in irgendeinem Wiglaf Droste-Buch? „Geduld ist eine Rüstung, die nicht jedem passt“. Was mit der Rüstung indes geschieht, wenn sie platzt, wird dortselbst nicht weiter verraten. „Der wartet wohl auf ein besonders schönes Grün“, hört man hingegen den Driver of the pack an einer Ampel fluchen. So brausen sie dahin, nach Berlin-Karow, Pankgrafen- und Streckfußstraße wurden keck ins Navigationsgerät getippt.

 

Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage? Die Navidame sagt: "Sein!" Und spricht es aus: „An der nächsten Kreuzung links abbiegen“. Makarios ruft entrüstet: „Nichtsein!“ Geradeaus geht es weiter. Einige Meter zumindest. Denn die Bornholmer Brücke ist bereits seit Juli für zwei Jahre gesperrt. Aus dem Navigerät ist ein strenges Räuspern zu vernehmen; Fürst Fedja legt einen halben Spin-o-Rama aufs Parkett und schon ist wieder Autobahnzeit. Berliner Autobahnzeit wohlgemerkt. Im Dunkeln, in klirrender Kälte wird der Ort des heutigen Konzertgeschehens, die Kleine Tanztee-Residenz, erreicht.

 

 

Privat geht’s heute her. Hoch her. Doch das wissen die Doctors noch nicht. Viktoria und Göttergatte bitten zum Stelldichein. Der Grund sind zwei dicht aufeinanderfolgende, runde Geburtsstage im unteren bis mittleren Lebensquartal. Und da die recht russisch-rustikal klingende Vorband sich noch im Soundcheck befindet, heißt es erst mal: Schnapsbar. Rauchen gehen. Schnapsbar. Oh! Das Buffet ist eröffnet! Teller füllen und was es alles gibt und noch mal: Teller füllen. Sehr lecker. Die Meeres- und Flussfreunde im Doctors-Tross loben an dieser Stelle besonders den fischgeräucherten Teil der kulinarischen Prozedur. Petri Heil, Lob und Dank nach Klossa an den lieben Angler in der Dämmerung Marcus dafür.

 

Die ersten Showeinlagen, getreu des zu feiernden Anlasses, folgen und siehe da: Die Pratajev-Sektion Gaschwitz taucht plötzlich auf. Damit hatte ja nun wirklich niemand gerechnet. Schön, dass die Welt so klein ist. Und weil die Welt so klein ist, sind es manche Schnapsgläser auch. Hinunter mit der klebrigen Masse darin. Der 60. Geburtstag ist noch fern und wird erst am 01.07.2017 (natürlich mit den Doctors) begangen.

 

Commercial Break: Buchen Sie die Russian Doctors! Verwöhnen Sie Ihr Publikum. Man wird sich noch Jahre später von diesem einen Abend nicht erholt haben, nein, falsch: Man wird sich noch Jahre später von diesem einen Abend erzählen.

 

 

Die Bühne muss komplett umgebaut werden, was gar nicht so einfach ist, wenn man vorher fest in die Schnapsbar biss. Doch es gelingt und nach einem fulminanten Soundcheck, der direkt ins Konzert übergeht, ist Showtime. Wer jetzt noch sitzt, ist selber schuld. Denn wie wir aus jedem Eishockeystadion der Oberliga wissen: Sitzen ist für’n Arsch. Es wird getanzt, geschunkelt, sicherlich auch gemunkelt. Ein Tablett voller Gläser verliert den Kampf gegen die Schwerkraft und dennoch kommt es Pichelstein so vor, als wäre diese immer weniger vorhanden. Man beachte diesbezüglich nur das kleine Stillleben in seiner Nähe, das Bild am Ende des Textes. Makarios führt galant bis zur letzten Schunkelschnapsbar durchs Programm, reißt hier aus und dort aus, Pichelstein rast mit den Fingern übers Saitenmetall, glücklich schwitzen sich alle Richtung Zugabeblock. Zwischendurch gibt Makarios den Howie und viel später, als die Nacht in den Morgen im herrlichen Holzhaus um die Ecke übergeht, wird ein holländischer Gast immer noch sagen: Dieses eine Lied auf Niederländisch, das war schon wirklich gut.

 

Die Kleine Residenz wird zur Sauna und die kleine Kellnerin hat aller Hand zu tun. Dafür wollen wir sie immer loben. Tja, wenn die Doctors kommen, ist der Tanztee vorbei. Dann gibt es Schnapstee mit Makarios und Pichelstein statt Sektchen mit Dörte und Uwe von der Mobildisco No Limit. Ganz lieben Dank an Viktoria und Gefolge. Es war uns ein Riesenfest. Und warum die Überschrift dieses Tourbuchs "Deo, wir fahren nach Leutzsch" heißt, ist nicht mehr nachvollziehbar.

 

25. September 2015, Berlin/Schokoladen

333 Schnäpse (333)


Noch rasch den Matroschka-Maschinengewehr-Aufkleber an die Heckscheibe gepappt, schon geht’s auf ins Bockwurstparadies, zur Aral-Tankstelle, wo monumentale Brötchen nebst kleckrigem Senf die Kulinarik radikal verfeinern. Wie oft drohte eine Bockwurstbestellung hier, an der Leipziger Maximilianallee, schon zu scheitern? Fürst Fedja kennt all diese Geschichten noch nicht, also müssen sie erzählt werden.

 

Einmal bestellte Doctor Pichelstein mit frommstem Kirchengemurmel erst für sich ein kleines Wurstglück, dann für den Doctor Makarios noch eins hinterher. Die Verkäuferin sah Pichelstein völlig entgeistert an und rief: „Sie haben doch schon eine! Was wollen Sie denn mit zwei Würsten?“ Nun, Pichelstein steht im Bauch-Ranking der Doctors-Entourage weit abgeschlagen auf dem letzten Platz und wunderte sich schon ob der impertinenten Frage. Ein Tresen-Dialog entwickelte sich, um es vorweg zu nehmen, mit edelmütigem Ende für alle Beteiligten.

 

Pichelstein: „Ich hätte gerne zwei“.
Verkäuferin: „Na gut. Aber dann auf einem Teller“.
Pichelstein: „Bitte auf zwei verschiedene Pappen, nicht auf Teller.“
Verkäuferin: „Junger Mann, Sie haben ja Vorstellungen.“
Pichelstein: „Wir würden die Bockwürste gerne während der Fahrt essen“.
Verkäuferin: „Wieso wir?““
Pichelstein: „Die zweite Wurst ist für den Mitfahrer“.
Verkäuferin: „Warum sagen Sie das denn nicht gleich?“
Pichelstein: „Na weil ich nicht wusste, dass man das so genau angeben muss.“
Verkäuferin: „Hier. Gute Fahrt. Noch einen Kaffee? Haben Sie eine Payback-Karte?“ usw.

 

Es folgt auch heute das, was immer folgt, wenn man freitagnachmittags über die A9 Richtung Ring, Abfahrt Berlin-Hochzeit (also: Wedding, klar) möchte. Nämlich eine erschütternde, langatmige Odyssee von diesmal knapp drei Stunden. Unfälle, Staus, törichte Raserunvernunft, soweit das Auge reicht. Den meisten Verkehrsteilnehmern erscheint es sinnvoll, an einem Freitag sterben zu wollen. Da ist Feierabend, die Arbeit getan und zuhause herumsitzen muss keine glückliche Alternative sein. Beschwerlich hinzu kommt, dass Pichelstein und Fürst Fedja weiterhin vergrippt sind, Makarios sich dem Husten und Schnupfen nur durch zeitweise Vermummung entziehen kann. Und geraucht wird schon mal gar nicht. Die sonst so angenehmen Pausen, die manch einem Rastplatzbesucher Angst und Schrecken einjagen (schließlich starren drei schwarzgewandete, mit großkalibrigen Sonnenbrillen behaftete Männer in bester Russenmafia-Pose auf ankommendes Autobahnvolk), fallen aus. Der Plan Soundcheck 18 Uhr, Open Doors: 19 Uhr, gemütlich am Buffet lungern, dann ganz entspannt den Konzertstart hinlegen, verschiebt sich entsprechend.

 

 

Nach letzten Verkehrsrochaden auf der Zieletappe ist das Schokoladen in Mitte erreicht; nun muss alles humorlos schnell gehen und erstaunlicherweise klappt das auch. Aufbau und Check verschlingen keine zehn Minuten. Die feilgebotene Nahrung ist rasch verputzt, der erste Schnaps wird durch die Pratajev-Fraktion Birkholz gereicht. Dann wird’s voll im Club. Erneut ist die Freude über eine weitere Lieferung Teschendorfer Freiland-Tomaten riesengroß. Baumfreund Ekmel und Joachim brachten gar das Meetchen mit. Sensationell! Ausgeloste wie nicht ausgeloste Teilnehmer des übermorgen stattfindenden 42. Berlin-Marathons sind vor allem aus Wittenberg anzutreffen. Eine sportliche Stadt. Die Liste wird länger und länger. Ein Dank sei an dieser Stelle der Lilly aus dem Nachwuchs des Herrn Eademakow gewidmet. Überreicht wird vom stolzen Vater eine Buntstiftzeichnung, die das Wirken der Russian Doctors trefflich beschreibt. Der Titel des Bildes könnte lauten: Erlenholzgitarre, Hey-Mikrofon und Feldrandtasche mit Schnaps gefüllt.

 

 

Dann ersetzt das Live-CD-Intro kurz vor acht die Konserve. Pichelstein kippt, bei angekratzter Hust-Stimme wegen vergrippt und so, eine nette Dosis Bromhexin 12-Tropfen in sich hinein und gleitet beschwingt übers Bühnenparkett. Makarios kocht die Feldmänner hoch, zack: schon beginnt die nächste, intensiv bejubelte und bis zum Diskant erschöpfende Reise in Pratajevs wilder Zeitmaschine. Sechs Deckenscheinwerfer rücken die Handelnden in grelles, buntes Licht. Bereits nach den ersten Titeln möchte Pichelstein das Schweiß-Shirt wechseln. 333 Schnäpse könnte es heute regnen, denn genau so viele Konzerte haben die Erben Pratajev seit heute auf dem berühmten Buckel. Doch keine Sorge, es werden ein paar weniger, denn 333 Schnäpse in knapp über zwei Stunden Konzertdauer ohne Pause zu verkosten, führt sicherlich zu keinem 334. Konzert. Sondern ohne Umwege in das steril gehaltene Kühlfach eines Krankenhauses. Das liegt man dann in direkter Nachbarschaft zu einem Raser von der A9 und das ist keineswegs erstrebenswert.

 

Makarios kniet vorm Publikum, die „Toten Katzen im Wind“ werden, Dank feierfreudigem, singendem Publikum, in eine noch nie dargebotene Länge gezogen. Bald geht es auf 22 Uhr zu, noch 15 Minuten, dann regelt sich das Mischpult automatisch (wegen der schwäbischen Nachbarn) auf wenige Dezibel runter. In diesen 15 Minuten hagelt es eine Zugabe nach der nächsten. Ohne große Ansage gibt’s in Maximalgeschwindigkeit auf die Ohren: Doom-Doom-Darkroom-Schlager nach Art Pratajevs bis „Als das Eis kam so plötzlich“ den Reigen abschließt. Makarios springt von der Bühne, Pichelstein greift zum Ersatz-Shirt, schnaubt, pustet, hat keine Stimme mehr, wird mit Kaltgetränken wieder aufgepäppelt. Obwohl sicherlich ein gut gezogener, heißer Bronchial-Tee mit Honig angemessener gewesen wäre. Aber den kann man ja immer noch verkonsumieren. Auf in die Nacht! Was für ein Abend, wow.

 

  1. 19. September 2015, Klossa/Tierparkfest
  2. 18. September 2015, Dresden/Alte Feuerwache, CD-Releaseparty
  3. 17. September 2015, Leipzig/Café Westen, CD Pre-Releaseparty
  4. 12. September 2015, Leipzig/1. Doctors-Grillen, Schleußig

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