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tour_tagebuch

13. Mai 2016, Leipzig/Cafe Westen

Anhübschen im Bulbash-Garten (344)


Leipzig ist ein einziger Kajalstrich. Das jährliche WGT findet statt und außerhalb des Programms konzertieren die Doctors im Cafe Westen. Ein Heimspiel der kurzen Wege. Doctor Pichelstein lädt Doctor Makarios ein und genau 45 Minuten später steht die Bühne griffbereit, ge-soundcheckt zum Ansturm. Fürst Fedja bestellt Getränke im Bulbash-Garten und nach dem dritten Durstlöscher wird Pichelstein einmal mehr in die Volkshochschule geschickt. Der Kurs heißt wie immer: Sächsisch-Hochdeutsch und geht so:

 

„Sag mal, was ein Schlaz ist…“

„Kann man das essen?“

„Nee“.

„Ist das sowas wie ne Hitsche?“

„Nee“.

„Also – ein Schlaz ist ein Riss im Gewebe, den man sich nach dem Sturz vom Schiddl zuziehen kann.“

„Und jetzt rate mal, was ein Schiddl ist…“

 

Es folgt die Speisung der Rüsselhunde, folgen „Kleine“ und „Keine“ Schnäpse (Kleine = Glas Dreiviertel gefüllt, Keine = Glas halbvoll. Hinzu addiert sich im Doctorssprech: Ein Schnaps = Glas bis zum Rand gefüllt, schwappt bei Zittrigkeit über). Voll ist der Bulbash-Garten, im Club sind die besten Plätze eingenommen. Den Preis für die weiteste Anreise erhält einmal mehr Genosse Peter aus Wismar, zum Stargast des Leipziger Ostens wird der rasende Ulf erklärt. An seinen Fersen heftet zunächst eine trüb blickende Gästin der Monte Negro Bar, die sich im weiteren Verlauf des Abends Herrn But zuwenden und im noch weiteren Verlauf ein weibliches „Idyll“ aufs Parkett legen wird. Gemeinhin scharrt man mit den Füßen, kann losgehen, Makarios und Pichelstein schwören sich mit einem hochemotionalen Pratajev-Huddle auf die Party ein („Noch eine rauchen, mein Doctor“), dann ist Showtime!

 

 

Vermutlich, weil gleich in einigen Anfangstiteln das Wort „Schnaps“ vorkommt, brummt der Barbetrieb, bilden sich lange Schlangen, bis erste Gäste bis unter den Mittelscheitel betrunken sind. Ab und zu verlieren Gläser den Kampf gegen die Schwerkraft, munter geht’s zu. Die Holzlöfflerfraktion II huldigt im Kulinarikteil Pratajevs damit einhergehende Vorzüge (gutes Essen, schnelle Löffel, schöne Köchinnen) und der Wirt reibt sich die Hände. Das soll er auch, denn wie heißt es trefflich? Geht es den Wirten gut, geht es den Musikern gut. Merke: Wer sich als Gast zu einem Konzert aufmachte, sollte sich erst in der Kneipe anhübschen und nicht bereits Stunden vorher. Grobes Fehlverhalten könnte dergestalt an den Tag gelegt werden. Siehe hier: Gästin aus der Monte Negro Bar feat. Herr But – beide liegen sich mittlerweile knutschend im Weg. Zu heftigen Überschätzungen unter Seitenblicken älterer Männer auf sehr junge Frauen führt frühes Anhübschen unbedingt. Dem darunter gesprochenen SparShip-Satz „Hallo, ich bin der Ronny aus Paunsdorf“ sollte besser gleich hinzugefügt werden: „Und morgen wohne ich auf Gut Aiderbichl“.

 

 

Inzwischen auf der Bühne: Doctor Makarios‘ wertvoller Vortrag lässt vermuten, er habe die Nacht über mit dem Kissen auf dem Gesamtwerk Pratajevs geschlafen. Auf jede noch so schwierige Publikumsfrage erklingt die passende Antwort. Selbst wenn sich Pichelstein mal wieder in ein völlig anderes Stück als geplant hineingaloppiert („Biber“ im Fetischbloch! „Pferdelunge“ musste sein, lange nicht mehr gespielt und doch so schön!). Vor Freude flirren die Stimmen, die erste Schnapsbar ist gespielt. Pause im Cafe Westen, Zeit, um sich mit Frotteestoff den Schweiß von der Stirn zu wischen. Abkühlung garantiert der Bulbash-Garten.

 

Drei Kaltgetränke später folgt der Endspurt, werden „Der Böse“, „Der Bedrückte“, „Die Schwimmerin“, „Der Käferzähler“, „Die Dünne“ und wie sie alle heißen zum wandernden Pratajev-Gefolge. Pichelsteins heutige Interpretation der „Harten Wirtin“ gemahnt stark an einen neuen Weltrekord im Schnell-Akustik-Gitarrenspiel (leider war der Zeitmesser-Akku runter). Dann heißt es: Von Schnapsbar zu Schnapsbar, über den Zugabeblock in die wohlverdiente Feiernacht hineinplumpsen. Fürst Fedja bringt den letzten Schnaps zur Bühne und der ist heute von besonderer Köstlichkeit. Pichelstein hechelt, die Zunge liegt bleiern wie eine Kirchturmglocke im Mund, die Finger pochen. Sitzend greift er noch einmal in die Saiten, das tanzende Volk verlangt es, kräftig wird mitgesungen: „Bella Ciao“.

 


06. Mai 2016, Dresden/Chemiefabrik

Heute ohne Bühnenschnaps (343)

 

Ach, wie ist das schön. Doctor Pichelstein hat sein Tagewerk vollbracht, kleidete sich eben noch um (von Blauweiß ins Schwarze), schon singt das Smartphone: „The lonely end of the Rink“. Gradmesser dafür, dass Fürst Fedja anruft und den Stand der Verspätung („Wir sind noch im Büro“) durchgibt. Doch nein, heute heißt es: „Wir sehen die goldene Kuppel und sind gleich da“. Potzblitz. Truffauts Satz: „Das Leben schreibt die besten Geschichten, aber es ist schlecht inszeniert“, wird ad absurdum geführt. Wenige Minuten später rasten die Doctors bereits an der Total stadtauswärts Richtung Dresden. Das Spiel „Wer als erster einen Senffleck auf der Hose hat, bekommt eine Talcid vom Pichelstein“ beginnt.

 

Die knackigen, bockigen Würste sind vertilgt und siehe da: Makarios will die Lutschpastille, doch der Fleck ist falsch! Nur ein Knoblauchsaucenunfall des gestrigen Abends beim Mexikaner. Der mit allen Untiefen und Weihen der Musikerbranche vertraute Doc M. weiß, dass sowas Glück bringt - es dauert dann auch nur wenige Kilometer Autobahn, bis sich der Fleck auszahlt: Fürst Fedja, bekannt als der Erfinder der Geduld am Steuer, tritt im richtigen Momentum hart in die Eisen. Alles fliegt umeinander, als eine verhuschte, schlaftrunkene Jungführerscheinbesitzerin mit Zopf das schlechte Konzept der Sterblichkeit im Straßenverkehr durch blinkfreies Spurenwechseln auszureizen gedenkt.

 

Später, auf einem Parkplatz: In gewissen Abständen tropfen drei Jungspudel aus einem dieser hygienisch zweifelhaften Rasteklos zurück ans Sonnenlicht. „Back to the Light, um es mit dem Simplicissimus eines Brian May zu sagen. Der Pratajev-Tross pausiert, schaut wichtig durch die Gegend und jeder denkt sich seinen Teil. „Pullern waren die nicht“, so der allgemeine Tenor. Weiter geht’s, auf ins Tal, nach Dresden.

 

An der Chemiefabrik wird bereits Equipment ausgeladen. Die Doctors konzertieren heute gemeinsam mit den Berlinern Chase Insteadman und GrüßAugust. Welche Ehre. Was an der Chemo wirklich immer wieder lobenswert ist: Das Booking, das Line-up. Passt immer. So auch heute. Kaltgetränke, Kippchen, Kaltgetränke - der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert, deshalb gehen die Doctoren lieber den Umweg über die himmlischen Bühnen der Republik.

 

 

Entspannung obsiegt beim Sonnenbad, und da heute für die Docs ge-sandwicht (als Akt Nummero zwei) konzertiert wird, wird’s erst kurz vorm Intro den Linecheck geben. Der Koch ruft: „Ist fertig“. Hartgesotten wird ins Vegetarische gebissen, die Pesto-Nudeln gar gelobt. Leistungssportler auf der Gitarre, Marathonsänger am Mikrofon brauchen nicht nur Schnaps, sondern auch? Kohlehydrate! Stichwort Schnaps: Fürst Fedja, nunmehr stets als Geschäftsmann der Firma Wodkartell unterwegs, schenkt ihn ein, den guten, leckeren, kältesten, auf dem Gaumen tanzenden Bulbash aus Belarus. Schon dämmert’s, schon schlägt sie, die Blaue Stunde und Chase Insteadman wissen drinnen, wie ein donnernder Akkordschneeball zur Lawine wird.

 

 

Voll ist’s im Rund, es kreisen die Flaschen, eine Dame mit Touret-Syndrom sammelt die leeren ein und juchzt vor prä-nächtlicher Freude. Das darf sie tun, denn jetzt sind die Doctors drauf und dran und dran und drauf. Ein rasendes Konzert wird’s, keine Pause, keine Ballerladen. Doctor Makarios lässt sich Zeit für die Sangeseinstiege, so dreht, schmettert Doctor Pichelstein getreu dem 2016-Motto: „Schneller als Eishockey, härter als die Tour de France“ mit reichlich Sportlergeist seine Runden. Doch wo um alles in der Welt treibt sich Fürst Fedja herum? Der Schnapsdurst, er wird schlimmer unter all dem schweißtreibenden Scheinwerferlicht. Pichelstein lechzt, Makarios ruft ins Mikro: „Fürst Fedja, dringend zur Bühne, Fürst Fedja bitte“. Nichts. Es folgt ein ganzer Block getanzter Tierlieder, dann die erste Schnapsbar und? Nichts. „Jetzt einen Bulbash“. „Oder einen Milzbrand“. Beide Doctoren zucken mit den Schultern und so tobt sich der Saal in die Zugaben hinein, ins Wunschkonzert, in die letzten beiden Schnapsbars. Dann pegelt der Mixermann die Lichtmaschine hoch, Ende. Puh. Man liegt sich in den Armen und Fürst Fedja? Verkostet Bulbash am Merchstand, verkostet Milzbrand. So ein Schelm, ein Guter.

 

  1. 01. April 2016, Leipzig/Privat in der Monte Negro Sportsbar
  2. 27. Februar 2016, Wittenberg/Irish Harp Pub
  3. 26. Februar 2016, Dresden/Waldbadhaus Weixdorf
  4. 30. Dezember 2015, Leipzig/Noch Besser Leben, Finissage: Der Maler Pratajev – Die Petroperbolsker Sammlung

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