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tour_tagebuch

26. Juni 2016, Dresden/Elbhangfest, Grottenwirtschaft

Die Gesetze pratajevscher Physik (348)

 

Tags nach dem Konzert mit der laufenden Nummer 347 ging’s ins Dresdener Ramada-Hotel, wurden katzenschlau drei Zimmer okkupiert, nach einem ausgiebigem Schläfchen ging’s mit der Fähre zum Elbhang. Portugal gewann gegen Kroatien und Doctor Makarios schrie beim einzigen Treffer dieser EM-Partie vor Glück die halbe Grottenwirtschaft zusammen. Getrunken wurde auch und herrlich an der Flussterrasse getafelt. Doch Zeit vergeht und schon macht sich der Tross auf, sein Gastspiel an besagter Stätte vorzubereiten.



Für 15 Uhr ist die Doctoren-Showtime angesetzt, die ärzte-affinen Musiker der Kapelle Soko Rock besangen gerade noch den Travestiekünstler Ernst-Johann Reinhardt („Lilo Wanders“), schon werden Kabel verlegt, der Schweiß fließt besonders bei Doctor Pichelstein. Die Idee, unbedingt in einer langen, schwarzen Hose lustwandeln zu wollen, hm, die war in Grädern Celsius gemessen eher dümmlich. Makarios trägt kurzes Beinkleid, lacht glockenhell wie die Sonne und freut sich über jede vorbeiziehende Wolke. Der Sieg der Portugiesen wirkt nach. Klar, dass darauf weiterhin getrunken werden muss und während sich die Menschen im Rund vor der Straßenbühne vermehren wie sommers die schönsten Rosen auf dem glitzernden Teich, gelingt beim Soundcheck eine dezibeleske Vervollkommnung. Schon läuft das Intro tief und kehlig: „Warme Worte zum Geleit“. Pratajevs Erben folgen den Gesetzen der Physik: Eine eloquente Eigendynamik, bestehend aus Gitarrengewittern und Weisen des großen russischen Dichters, ist (einmal losgetreten) nicht mehr zu stoppen. Sie steigt an, die Dynamik, steigert sich zum Diskant, erreicht ein Plateau und von hoch droben folgt ein Sprung in die Tiefe. Oh, wie das kribbelt! Als würde man im Traum von einem Hochhaus fallen. Und während es so kribbelt, heißt es auf der Bühne nur: „Das waren die Russian Doctors!“



Schon hat das Leben einen wieder. Das Leben, das gute Leben fürwahr. Manch einer schaut den Nachbarn dergestalt ungläubig an, als hätte ihm wer die Brille weggenommen. Es wird geklatscht, gejohlt. Es wird ein letztes Mal „Zugabe“ gerufen. Man sieht Doctor Pichelstein, der nach knapp zwei Stunden Bühne nur mehr pustet, trinkt, weil er knapp verdurstet und mit mechanischer Zärtlichkeit die Bühne abbaut. Man sieht Doctor Makarios in unauslöschlichen, besten Gedanken kreisend, den Olympiasieger auf der Schnellgitarre eben noch im Arm - oder Bauch an Bauch, das geht auch - wie er in den Schatten hechtet. Wo Fürst Fedja mit einem Kaltgetränk und verschmitztem Lächeln um die feiste Zigarre herum wartet. Wo sich das verehrte Publikum am Merch-Stand scharrt. Ach, Elbhangfest, du Schöne. Du leckere, du Kartoffelsuppe, du Fischbrötchen, du Zauberin bester Laune. Deine illustren Gäste wurden über die Jahre bereits mit allen Wettern gewaschen. Heute ist Sommer, heute wird das Leben nicht gehackt, gerät aus keinerlei Fugen und ist einfach nur gerecht. Danke, liebes Team der Grottenwirtschaft für diesen Tag am Elbhang.

 


24. Juni 2016, Dresden/Café Pott

Ein Floskel-Tag (347)


Vorsicht, Floskeln! Die Russian Doctors erklären den heutigen Freitag zum Ehrentag der Heißluftformulierung und stecken ihm Blümchen wie diese an: „Ich sage mal…“, „Kein Thema“, „Auf gut Deutsch gesagt“, „Nichts für ungut, aber…“, „So nach dem Motto…“, „Ej, weißt du…“ So geht das die ganze Zeit, im Auto, auf dem Weg nach Dresden. Jeder Satz wird mit passenden Szenen gewürzt: „Wenn ich mal ehrlich bin, dann muss ich Dir in aller Deutlichkeit sagen, dass das Bier viel zu warm ist. Aber mich fragt ja keiner. Verstehste, heie?“ Ach, sich sprachlich bei den Mitmenschen derartig zu erleichtern, ist was? Genau: Eine tolle Wurst.


Heißt ist’s, drückend und furchtbar. Keine Meeresbrise weht, die Klamotten kleben, als der Tross den Dresdener Neustadt-Kiez erreicht. Ein Biertuttler niest, klingt wie „Brexit“. „Gesundheit, wenn du meine Meinung hören willst“, sagt Doctor Pichelstein. Was ein Biertuttler ist? Ein dicker Mann in sommerlicher Kiezuniform (ergo mit freiem Oberkörper), dem behaarte Brüste wuchsen. Das sind die eigentlichen Biertutteln. Wenige Momente später lockt die Schnapsbar mit rauem Charme, besser noch ihre leckeren, kühlen Inhalte. „Na das kann ja was werden heute“, sagt ein Doctor zum anderen. 35 Grad Außentemperatur, die unbedingt ins Café Pott hineinwollen. Nach all den Checks feat. Sound und Hostel, wird entschieden: Pizza bei Freddy Fresh bestellen, bloß nicht nach draußen gehen, zur eingangs geplanten Restaurant-Tafelei. Genügend Magentabletten sind dabei (sollte man immer nach Anruf beim Lieferservice zur Hand haben und bereits vorm ersten Bissen ins fettige Glück einnehmen, sonst droht die unrühmliche Eingliederung von zu viel Säure in der Nahrungskette).


„Wegen der Nachbarn“ (Kiez heißt ja nicht mehr: Krach machen dürfen ohne Ende, nein, die Zeiten waren nie und wenn doch, sind sie vorbei) geht’s Konzert bereits vor 21 Uhr los, das Intro läuft, die Doctoren triefen bereits nach wenigen Pratajev-Weisen. Ausgesprochen voll ist’s logischerweise heute nicht - an Tagen wie heute liegt selbst das treuste Doctors-Publikum (und das darf es auch ruhig mal) nahe eines Baggerloches, schlürft Eis und flötet den Ideal-Hit „Sex in der Wüste“. Mehr geht nicht. Zu unverhofften Ehren kommt hingegen das Publikum im Café Pott: Im September soll ja ein neuer Tonträger erscheinen, der sich einzig und allein dem Thema „Schnaps“ widmet. Heute ist Weltpremiere für die Hits „Wodka, Wodka“ und „Das Lied vom guten Leben“. An diesem Punkt im Set angekommen, blicken die Docs erstaunt. Erstmals den Refrain „Es muss nicht sein, dass das Leben schlecht ist / Weil schlechtes Leben nicht gerecht ist“ angestimmt, in der Wiederholung singen schon einige mit. Und je heißer es wird, desto mehr Sangeskraft tönt aus dem Rund. Makarios richtet das Mikro gentlemanlike in die feiernden Menschen. „Beim Bücken“, „Tote Katzen im Wind“ – perfekt! Mister Wodkartell FraFö verteilt den edlen Bulbash (den es im Café Pott übrigens auch ohne Doctoren auf der alltäglichen Trinkerkarte gibt), Makarios und Pichelstein reisen in den Zugabenblock, ernten frenetischen Beifall, drehen noch eine letzte Runde, dann muss es gut sein. Ohne Umwege reißt sich Doctor Pichelstein das weiße Shirt vom Leib und wringt es in der Ecke aus. Stunden später sitzt man vorörtlich im Grünen (Danke Solvig!), unterm silbrigen Mondlicht, während irgendwo auf der Welt ein Bombyx mandarina Goldfäden spinnt.


  1. 18. Juni 2016, Elstra/OT Kindisch, privat auf der Rotkehlchen Ranch
  2. 15. Mai 2016, Leipzig/Privatheilung, Club La Fonderie
  3. 13. Mai 2016, Leipzig/Cafe Westen
  4. 06. Mai 2016, Dresden/Chemiefabrik

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