• home
  • bio_logie
  • nächste auf_tritte
  • tour_tagebuch
  • disko_grafie
  • biblio_grafie
  • prawda
  • impressum
  •  
  • >>pratajev_bibliothek>>
  • >>pratajev_gesellschaft>>
  • >>videos_youtube>>
  • >>groß_markt>>

tour_tagebuch

28. Oktober 2016, Braunschweig/Galerie einRaum5-7

Ein Glas Nutella, eine junge Frau und ein Hund (358)


Ein Doctor nach dem anderen erwacht im Mercure-Hotel, wieder einmal ist das Frühstücks-Buffet bereits lange geschlossen. Schlau, dass man’s nicht buchte! So wie heute verhält es sich in den meisten Tourfällen: 1. Aufsteher Doctor Makarios, 2. Doctor FraFö, 3. Doctor Pichelstein. Und so wie heute klopft der Erstaufsteher gerne ans Kämmerchen des Zweitaufstehers, der aus der Slowmo-Dusche schreitet, die Tür öffnet und wie siedenes Kartoffelwasser in den Flur dampft. Würde Makarios Brille tragen, wäre die jeweils glatt beschlagen. Pichelsteins Job besteht zu einem wenig späteren Zeitpunkt darin, anhand letzter verbliebener Feinmotorik-Reste Gitarren mit neuen Stahlsaiten zu versorgen. Das erklärt dann auch, warum der frisch gebackene Olympiasieger öfter reichlich gesichts-gestriemt in das erste Tagesfoto lächelt. „Der Akku hat nicht geladen, die Steckdose ist kaputt“, ruft Doctor FraFö noch, dann folgt der Rückzug aus dem Mercure in geordneten Bahnen.

 

 

Im Flowpo muss die Backline verladen werden. An der Schnapsbar warten kirschroter Likör (igitt) und Kaffee (lecker). Eine der immer noch wachen Kellnerinnen erzählt die Geschichte vom Glas Nutella, die an dieser Stelle nicht in Gänze wiedergegeben werden kann. Würde sie in Gänze wiedergegeben, käme das Tourtagebuch auf den Index. Nur so viel sei bruchstückehaft, poetisch verpackt verraten:

 

Ein Glas Nutella, eine junge Frau und ein Hund

Treffen sich zu später Stund

Sie nimmt das Glas und schmiert sich damit ein

Sagt zum Hund

Nun lecke fein

 

Ende. Ohne kirschrot zu werden. Braunschweig ruft. Mit einem Zwischenstopp am Karl-Marx-Stadt Borna Hp. Es gibt Kuchen. Makarios und Pichelstein sind glücklich. Es gibt eine Steckdose. Fürst Fedja ist glücklich. Zwischenzeitliche Handy-Ladeversuche am Zigarettenanzünderloch schlugen zuvor im Auto fehl. Jedenfalls: Das Ehrenmitglied der Pratajev-Gesellschaft „Der Tierarzt“ präsentiert mit besagtem Bahnhof einen neuen, potentiellen Ort gesellschaftlicher Feiermomente mit viel Auslauf ins Grüne. „Da müsste noch ein Zaun vor die Gleise, sonst laufen die Betrunkenen den durchfahrenden Zügen entgegen“, bemerkt Doctor Makarios fachmännisch. „Kein Problem“, ruft der Tierarzt und entschwindet zur ersten Operation an diesem nasskalten Freitag. Einer Katze muss der Schwanz teilamputiert werden, ein Reifen rollte drüber, nun hängt der Schweif in Fetzen. Gerne wären die Doctors bei diesem Ereignis zugegen, doch es geht weiter. Erst zur Tankstelle, dann direkt in den Stau vor Halle und schließlich in den Harz. Und während die ganze Zeit über Roland Kaiser singt (3 CDs, jeweils 16 Titel auf einer), wird der Traum von einem leckeren Grillteller immer größer, immer mächtiger. Fürst Fedja, Makarios und Pichelstein singen ihn dabei immer lauter, den Song vom Knopf, der zubleiben muss. Amore Mio! Bis er platzt. Nicht der Knopf, sondern der Traum vom Grillteller oder meinetwegen der Traum vom Forellenteller. Denn während bereits sommers sämtliche Restaurants im Nordharz um 20 Uhr schließen, setzt die Herbstsaison noch einen drauf. „Küchenschluss um 16 Uhr“ ist unweit der Burg Regenstein zu lesen. Leider ist es genau 16 Uhr und aus furios erwarteten Grilltellern werden im Einkaufscenter Blankenburg schlussendlich Klöpse und Leberkäse an Kartoffeln und letzten Nudeln.

 

 

Zwei Stunden später ist kurz vor Wegesende das Braunschweiger Einbahnstraßenmodell mit seinen erschreckend kurzen Ampelphasen überwunden. Alex Andra kredenzt heiße Würstchen und Gnocchi-Salat am Holztisch bevor der heutige Auftrittsort ins Visier gerät, die Galerie „einRaum5-7“, knapp 30 Quadratmeter groß. Eigentlich war das Theater Lindenhof das Ziel, doch es muss unmittelbar nachdem Plakate und Flyer gedruckt und verteilt waren, Streit gegeben haben. Die Braunschweiger Zeitung berichtet in großen Lettern „The Russian Doctors im Theater Lindenhof“. So ein Pech aber auch, beziehungsweise: Sei eine Möwe und scheiß drauf. Kurzum: das Publikum trägt schwer daran, die Erben Pratajevs in der Eintracht-Metropole ausfindig zu machen. Doch jene tapferen vielleicht 25, die sich durch den nassen Herbstwind im Laufe des Abends hierher verirren, werden großes erleben, ein Feuerwerk russischer Zange, vor Freude flirrende Stimmen und ein Gitarrengewitter, das sich gewaschen hat.

 

Verleger Wallgold II Junior war mitunter so fleißig, die Bühnenecke herzurichten, Eintracht Braunschweig führt 2:0 in Dresden. Alex und Kai Andra brauchen dringend Bulbash aus großen Bechern, Dresden trifft ins Schwarze. Verlegergattin Heike verteilt bereits das dritte Wolters Pilsener an Doctor Pichelstein, Ausgleich. Stehkragenproletariat verschwindet in der Kneipe gegenüber, Doctor Makarios ruft zur Bühne, Braunschweig verliert 2:3 und die Trauer ist groß. Ein guter Grund, mit dem ersten Set loszulegen. Herbstblätter fallen, Saft steigt aus allen Gallen und so bringen es die Doctoren nach wenigen Minuten tatsächlich fertig, erfolgreich Trauerarbeit zu leisten.

 

 

Die Phase der Akzeptanz ist frei nach Elisabeth Kübler-Ross fix erreicht, dann brechen alle Dämme. Beim ersten Bühnenschnaps erleidet Doctor Makarios noch einen Niesanfall, beim nächsten und übernächsten wird der Bulbash gleich in die Nase gekippt. Frei nach Leo Trotzki: „Um nichts zu trinken, muss man sich nicht versammeln“ steigert sich die kollektive Konzertdramatik bis zum Diskant, bis zur Pause, um gleich danach unter all der schönen Kunst im Raum eine neue Schleife zu drehen. Wieder heißt es zunächst „Beim Bücken“, dann „Ti Amo“, und als die letzte Walzerschnapsbar verklungen ist, hat Eintracht Braunschweig gefühlt nicht nur 12:0 gegen Dynamo Dresden gewonnen, sondern führt kurz vor Schluss im Endspiel der Championsleague 7:1 gegen Barça. Grundgütiger, was für ein feiner Abend und ein ganz lieber Dank gebührt Alex Andra. Zu der es jetzt geht, zurück an den Holztisch. Man darf sich Lieder wünschen, Rio Reiser singen, einen gepflegten (Fürst Fedja) und einen polnischen Abgang (Gästin, deren Liedwunsch unerfüllt blieb) bewundern, lässig an Gefäßen nuckeln und im Regel steht ein großes Nutellaglas.

 

 

 

27. Oktober 2016, Chemnitz/Flowpo

Hot Ferkel hat frei (357)


Szene & Auftritt Fürst Fedja, Doctor Pichelstein: Beginn einer Unterhaltung am Tourauto, abgestellt in der Merseburger. Pichelstein raucht. Fedja sucht (immer irgendwas).

 

Kameraschwenk in ein Büro der obersten Etage, in dem sogenanntes „Kreatives Chaos“ vorherrscht, Kamera fängt Bulbash-Flaschen ein, Tippgeräusche auf einer PC-Tastatur. Doctor Makarios beantwortet eine Konzertanfrage, liest laut vor:

 

„Ja, es stimmt, dass im Tourkalender noch einige Tage freigehalten werden, aber auch die Doctors müssen mal freigehalten werden“.

 

Schwenk durchs offene Fenster nach draußen, Close-up: Ein Hotdog fällt zu Boden und stirbt in einer Senflache. Straßenlärm wummert die Karl-Heine auf und ab.

 

Schwenk, langsam, 45 Grad gen Ost: ein altes Mädchen fährt einen Kinderwagen spazieren. Aus dem Wagen ragen Bierflaschen. Es grüßt, Fedja kramt in seinen Taschen, grüßt zurück, man kennt sich. Pichelstein raucht.

 

Stimme aus dem Off: Ganz bald steigen die Helloweenparties. Auf Leipziger Straßenmöblierungen wird ein sich damit schmückender Nachtclub beworben. Freizügig präsentieren drei Damen kinoeske Herrenwelten. Dirty Cindy hat Dienst. Nasty Kitty und Bad Barby, zwei People of Color.

 

Zwischenszene, bevor sich Fedja und Pichelstein unterhalten: Verzweifelt versuchen zwei junge Mädchen mit Hannover-Dialekt (also Null-Dialekt) in die Pension des NBL zu gelangen. Eines schreit in ein mit Spongebobs verklebtes Smartphone, eines saugt hastig an einer Dose Red Bull.

 

Dialog der beiden Mädchen:

1: „Warum tust du das?“

2: „Im Forum von The Better Berlin stand: In Leipzig ist Red Bull total tricky-in. OMG!"

 

3-Sekunden-Einspieler: „Nur ein Leutzscher…“ & „Das kann doch einen Lok-Fan nicht erschüttern…“

Blende, Dialog Fedja, Pichelstein, zwischendrin: erstauntes Nicken der Probanden.

 

F: „Wie, People of Color?“

P: „PoC ist die brandfrisch politisch korrekte Bezeichnung für Mensch***Innen aller Hautfarb***Innen und Stern***Innen in vielen Wörtern... das mal ich dir gleich mal auf... symbolisier***Innen, so wurde es unweit der letzten Campus-Demo, Motto: +++ Kant war kein Aufklärer, Kant war ein Faschist +++ erörtert, das drittmögliche Geschlecht. Keines darf unterdrückt, verschwiegen werden. Es könnte sich ja etwa bei Bad Barby… sicher weiß das keiner…. um Mann, um Frau oder um eine Transitionierende, resp. Nichtbinärin handeln. „Transgender“ darf indes nicht gesagt werden, das ist schon wieder total kantig, resp. faschistisch.“

F:„Und Hot Ferkel? Was ist mit der?“

P:„Die hat Uni und Helloween frei“.

F:„Aha.“

P„Dann lass uns mal nach Chemnitz fahren“.

F„Geht nicht, ich hab das Navi zuhause vergessen“.

 

Abgang Fürst Fedja, Doctor Pichelstein. Doctor Makarios erscheint im Bild, brummt: „Ich hab Hunger“.

Szenenapplaus, Ende des Vorspiels.

 

Wenig später zischt der VW-Dieselskandal Richtung Chemnitz. Richtig, VW. Die Schmette BMW darf heute zuhause bleiben und Moos ansetzen. Pichelstein wurde zum Fahren verdonnert und Fürst Fedja ringt mit dem Zerquetschungstode auf der Rückbank. Damit es dort nicht langweilig wird, beginnt von nun an ein zweitägiges Spektakel. Es trägt den polarisierenden Titel: „Mein Handyakku ist alle“ und jedweder Versuch diesem leidvollen Sujet Einhalt zu gebieten scheitert. Nun ja, ob ein Satz wie dieser aus der Makarios-Feder: „Wirf es einfach aus dem Fenster“ lösungsorientiert ist, hm, das sei dahingestellt.

 

Im Flowpo wird ausgeladen, Chef Danny kredenzt Kaffee und belgisches Bier mit dem Rat, davon lieber nicht so viel zu schnell zu trinken. 6,6 Umdrehungen sind auf halbleerem Magen kein Pappenstiel. Aber das Gebräu, ja, es schmeckt sehr lecker. Beste Voraussetzungen zum Bühnenaufbau, zum Hotel-Check-in. Wie immer an diesem mittlerweile auch schon legendären Spielort der Russian Doctors klappt in der Folge alles. Der Soundcheck gehört in die Galerie, die Schnitzelteller gehen weg wie warme Semmeln. Aber weil das mit den „Semmeln“ so altbacken ist, könnte es auch heißen: Die Schnitzelteller gehen weg wie die Downloadsingle „Helene Fischer singt im Duett mit Elvis: Hot Ferkel, Love Me Tender“.

 

 

Mit dem letzten Haps wird’s schon voll im Rund. Hallihallo, wow, Karl-Marx-Stadt hat sich rausgeputzt und alle, die man sehen wollte, sind auch da. Gut, es fehlen welche. Da gibt es immer Gründe. Schließlich ist Donnerstag und morgen Freitag und dann Samstag, ach was noch alles. Neu in der Garde der Enthusiasten ist ein waschechter Friedhofsmusikant, der sich gleich als solcher vorstellt. Um zwei Dinge vorwegzunehmen: Ja, natürlich ersteht der noch die Prumskibeat-Platte „Orchester des Todes“ und, wie Chefwirt Danny berichtet: „Jetzt sind schon 200 Prozent mehr Gäste da als beim letzten Konzert“.

 

 

Keine schwere Hypothek für die Erben Pratajevs! Los geht’s, das Volk säuft, das Intro läuft, „Wodka Wodka“ mengt sich der Szene bei und dann hat er sie, der Doctor Makarios. All die lieben Tierärzte, Schwestern, Schülerinnen, Gärtner, Musikanten, Pfleger, Arzthelferinnen, auch die derzeit neugierig nach irgendwas im Leben Suchenden, die Studenten, Lehrer, Professoren, die frechen Kellnerinnen, die Fetischliebenden, die schwierigen Seelen mit trunkenen Kehlen, die Sonderbaren, die Lauten, die Leisen, die perfekt Filmenden uvm. Und während auf der Bühne der Herzschlag des Glücks und der Zuversicht unweigerlich pocht, Doctor Pichelstein aus „Beim Bücken“ ein „Ti Amo“ zaubert, über den Pausenbreak hinaus, der Rotarmist im Keller ist, Fürst Fedja prostet, während all dies geschieht, bleibt ein Lied. Ein letztes Lied und es handelt von den Lappalien der Leidenschaft, ausgelebt na wo? Genau. An der Schnapsbar, denn alle müssten raus an die (…)

 

  1. 22. September 2016, Pößneck/Pößneck Alternativer Freiraum (PAF)
  2. 21. September 2016, Dresden/Café Friedrichstadt, Weinkeller
  3. 24. September 2016, Garbisdorf/Kulturgut Quellenhof, Wodkafest
  4. 27. August 2016, Leipzig/Hinterhof Schleußig, Doctors-Grillen

Unterkategorien

  • 65
  • 66
  • 67
  • 68
  • 69
  • 70
  • 71
  • 72
  • 73
  • 74
impressum + Kontakt