Miloproschenskojer Erntefest mit Notfallaufnahme (245)


Am Tag nach der großen Sause bei Frau Krause: Doktor Pichelstein kurz vorm Fußröntgen im Wartezimmer der Notfallklinik am Thonberg (Absturz von der Bühne, Diagnose: Bänderanriss), Doktor Makarios (Absturz an der Schnapsbar, Diagnose: Frau Krause-Koller, leicht unpässlich bereits auf dem Weg zum Blankenhainer Art-Privatkonzert). Es heißt, der Sangesdoktor habe die dortige Schnapsbar erstaunlich lange Zeit gemieden. Aber das ist ja auch kein Wunder. Oder doch - eigentlich war’s vorherzusehen. Hier der Versuch einer kleinen Rekapitulation diverser Ereignisse, versehen mit Fotomaterial aus dem Hause Kaktus:

 

Der 18. November 2011 ist ein typischer Brrr-Tag im Herbst. Froh darf man sein, endlich Frau Krauses Tür im Leipziger Süden erreicht zu haben. Warm ist’s drinnen, T-Shirt-Temperatur, das melodiös gezapfte Staropramen perlt durstige Kehlen hinab. Der Tisch der Stammgäste empfängt die Doctors voller Liebe zur pratajevschen Kunst. Kann es doch heute nur beherzigend heißen: Jeder Schluck ist ein guter Schluck. Derweil erreicht der Nordbooker, Peter aus Wismar, das hehre Ziel des Abends. Planungen fürs Konzertjahr 2012 beim ersten Becherovka folgen; Doktor Pichelstein schraubt beide Gitarren zurecht, Doktor Makarios versorgt’s Mischpult mit passender Kabellage vorm Soundcheck. Als Bühnendekofachmann versucht sich erneut sehr erfolgreich Gurt Kaktus. Die Miloproschenskojer Erntefestgirlande hat es in sich. Und auch die heimische Schwarzbrennerei wartet mit einem neuen Produkt unter dem erfolgsversprechenden Label „Nacktschneckenschnaps“ auf. Dazu werden Restbestände "Katzenblut" gereicht. Satt vom pompösen Schnitzelteller reiben sich Makarios und Pichelstein, drüber sehr zufrieden, die Augen. Dann wird’s voll, richtig voller und voller. Dabei ist Karl-Marx-Stadt heute lediglich zweifach vertreten. Aber – und das muss erwähnt werden: dafür gesund und munter.

 

 

Stone überreicht Doktor Pichelstein noch einen Prager-Livemitschnitt aus dem Frog-Records-Archiv, ein letztes Staropramen gibt’s im Stehen, Hallosagen und Gehen. Dann heißt’s nach Introende mal wieder: „Wenn die Blätter fallen / steigt aus allen Gallen / eine bösartige Substanz.“ Lange nicht mehr gespielt, die „Schwermut im Herbst“. Bereits nach der ersten halben Stunde reißen Doktor Pichelsteins Gitarrenfingerpflaster – oder sollte besser gesagt werden: Nach den ersten (gefühlt) fünf Bühnen-Schnapsrunden? Rasant jagen sich die Heimatlieder durch Frau Krauses Katakomben; bis zur ersten Drittelpause stellt Doktor Pichelstein seinen Leipzig-Rekord im Schnell-Gitarrespielen viermal ein. Und rettet sich in die Kühlbox mit frischen Verbänden. Ins Innere der Krause stromern nunmehr herrlich verkleidete Rammstein-Konzerttouristen; es gibt kein Durchkommen mehr.

 

 

Irgendwann, so gegen Anfang des zweiten Konzertdrittels, gibt Gurt Kaktus, qua Ansage, die Miloproschenskojer Erntefestgirlande fürs Publikum frei. Sofort sieht man eifrige Menschen an Pratajev-Schnapsfläschchen saugen; einige Mädchen zieren sich’s Haupt mit Maiskolben. Nie sahen sie schöner aus. Und weit kamen sie her. Aus Oelsnitz etwa oder aus Potsdam. Beim Wirtsleutelied gibt’s heute kein Durchkommen für die Spenderdose. Liebe Wirte, verzeiht; das holen wir im nächsten Jahr alles wieder rein. Wieder erreicht ein schwankendes Schnapsbar-Tablett die Bühne. Über alle Tierlieder des mittleren Urals hinweg.

 

Nach Ende des zweiten Drittels sind über zwei Stunden gespielt; Zugaben folgen im Wunschblock. Doktor Pichelsteins Finger bluten. Die Doctors baden im Schweiß und schon wieder ertönt der virtuelle Gong: Weltrekord für Doktor Pichelstein im Lied über den „Bösen“ oder über die „Kuh“ oder nein – „Der Tierarzt“ kann’s nicht gewesen sein. Den gibt’s später aber auch noch. Wie den „Bauch“, „Als das Eis kam“ und so weiter. Besonders erinnerlich bleibt natürlich Pratajevs Ode an die „Schnapsbar“. Und dann passiert’s: Das eigentlich rasche Liedchen mit den zwei Sangesstrophen ist mittlerweile nur noch im Walzertakt möglich, steigert sich dennoch gegen Ende zum Hurrikane. Doktor Pichelstein wirft die Gitarre zurück in den Ständer, Doktor Makarios flieht unter Klatschgewittern von der Bühne. Pichelstein will mit einem Satz seinem Doktor hinterher, landet beim Absprung aber direkt auf einem geerdeten Bierglas, geht zu Boden und kriecht schmerzumwunden gen Merchstand. Aber die Welt ist gut. Für kurze Momente des erlösenden Glücks.

 

 

Sofort wird ihm eine nicht unerhebliche Menge Ibuprofen an leckerem Nacktschneckenschnaps eingeflößt. Dann geht nichts, wahrlich gar nichts mehr und tags drauf wird der Elefantenfuß von sehr jungen Schwesternschülerinnen umsorgt. Der Chirurg schmunzelt nicht schlecht, als das Unfallprotokoll aufgenommen wird. Zu den Russian Doctors muss er unbedingt mal hin, sagt er noch. Und um diesen Erläuterungen ein kleines PS hinzuzufügen: Doktor Pichelsteins Teilnahme an den nächsten Gitarren-Paralympics ist lediglich ein Gerücht.

Schnaps mit Kräutern aus dem Weingläserwald (244)


Du meine Güte, kann Bockwurst ekelig sein. Vor allem, wenn gemeines Verkaufspersonal die eigentlich leckeren Tour-Senfpeitschen gefühlte zwei Jahre und acht Monate im selben Heißmacherwasser beließ. Kaum Richtung Dresden, am Rastplatz Muldental, erworben, schon stehen die Russian Doctors an der Folgeraste, um den viel zu dicken Widerling aus der Obhut des entsetzten Doktor Makarios gen Abfallkorb zu entlassen. Nur gut, dass Pichelstein keine Peitsche wollte. 3,69 € gespart. Zu allem Ungemach schreit die Fußball-Konferenzlerin Sabine Töpperwien den gesamten Wagen mit jedem neuen Tor der Dortmunder Borussia zusammen, Nürnberg verliert tragisch in der 3. Minute der Nachspielzeit. Fehlt nur noch der einkalkulierte A4-Stau vor den Tälern unserer Landeshauptstadt.

 

Doch nichts dergleichen. Nahezu rasant parkt der winterbereifte Audi überpünktlich, bei Schlagern aus dem Heimatsender, am Körnerplatz 3, knapp hinterm blauen (aktuell jedoch eher rostigem) Wunder. Hinein mit der Backline ins urige Bräustübel, rasch werden die Doctors an heutiger Spielstätte eingewiesen (Schnapsbar, Bühne, Vorbands und dergleichen). Schon steht man draußen im kühlen Abendlüftchen, von Winter keine Spur - im April war’s dieses Jahr bereits viel kälter. Am Hang leuchtet die Standseilbahn, in Händen der Erben Pratajevs funkeln dito Augustinerbier nebst Cocktailleckereien. Dann kann’s ja losgehen mit der 2x 40er Jahre Party, stimmt, denn die beiden Hauptakteure des Abends trudeln ein und das Hallo ist groß.

 

Im oberen Ambiente der Partystübel fordert die erste Metalband sämtliche Fensterdichten der Gegend heraus, unten laben sich Makarios und Pichelstein an der Speisekarte. Würzfleisch, lecker. Man steigt von einer Bier-Sorte auf die nächste um, wechselt ab und zu die Cocktail-Beschaffenheit und smalltalkt sich durch feiernde Stunden. Einiges Publikum will die Russian Doctors auf dem vergangenen Elbhangfest mittlerweile als Band mit Schlagzeug und mehr gesehen haben, doch solcherlei Fälschlichkeiten wollen wir mal dem allerorten zügigen Herannahen an die (beachtliche!) Freigetränke-Grenze zurechnen. Metalband zwei spielt derweil; die Fenster halten, dem Partyvolk geht’s prima.

 

Bis Mitternacht ist plötzlich nicht mehr viel Zeit auf der Uhr; die Doktoren erheben sich erstaunlich fit aus den Stühlen, basteln am gerechten Sound, Feldmänner erklingen, russisches Landleben erwacht. Voll ist’s vor der Bühne und darauf geschieht bald recht interessantes; Schnaps mit Kräutern aus dem Weingläserwald wird in immer kürzeren Abständen, per Tablett, herangeschafft. Die ersten Runden gibt’s zum Prosten noch in den Liedpausen, die weiteren folgen mitten im Set. Bedeutet für Doktor Pichelstein etwa: „Beim Bücken“ spielen und dabei zeitgleich ein Weinglas Schnaps, vom Kellner direkt in den Schlund gekippt, verarbeiten zu dürfen. Flüssigfütterung auf dresdnerisch, gar nicht so leicht. Vor allen Dingen, wenn blind von E-Dur unten nach cis-Moll mittig gegriffen werden muss. Aber es klappt heute ja eh alles wie am Schnürchen. Die Bockwurst, Sabine Töpperwien: längst vergessen. Die Icefighters Leipzig gewinnen zudem 11:4 gegen Fass Berlin, der Saus im Saal greift weiter um sich. In die Zugaben mischen sich gar „Sie sagte“ und ein gewisser „Ozean“ hinein.

 

Den vielen, leckeren Bühnengaben geschuldet, geht’s schlussendlich dorthin, wie die Schnäpse wohnen, zur Schnapsbar. Doktor Pichelstein versucht sich noch in der Weitergabe seines kleinen Gitarrenwissens, bevor das Mescalero-Taxi hupt und mit großem Schwung der Rückbank-Erstschlaf kurz gesucht und wenige Meter auf dem Weg in die Neustadt prompt gefunden wird.

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