Im Rahmen eines Künstlers (499)
Nach harter Arbeitswoche im Brotgewerke, kurzer Probe, verstrubbelt und äußerst aus der Puste, steuert Doc Pichelstein an diesem Freitagnachmittag die Heimstatt des Doc Makarios an. Grundlos geschieht das alles nicht, gilt es doch heute erneut das selbstverordnete Sabbatical-Jahr zu brechen. Und das bereits zum dritten Mal. Kein geringerer als Aris Kalaizis, Deutschlands figurativster Maler, hochgepriesener Vertreter der Neuen Leipziger Schule, Meisterschüler Arno Rinks, Komplize Neo Rauchs, ein Sottorealist unter, nein, besser: in der Sonne des Herrn, ruft zum 60. Geburtstagsfest. Da durften die Russian Doctors wirklich nicht passen. Gemeinsam mit DJ und Soundcloud-Expertissimo Falk sollen sie heute in der Plagwitzer Wunderbar zur Rahmenbildung beitragen. Einmal im Rahmen eines Künstlers sein, so und nicht anders.
Nun ist die Wunderbar, im Souterrain der Leipziger Gießerstraße 18 gelegen, keine Kneipe, sondern eher eine Oase, in der visionäres kreiert wird, ein eventfreudiger Coworking Space, den Pratajev über die Maßen gemocht hätte. Nicht nur wegen der kühnen Bar samt Buffet-Raum, dem Freisitz vorm Haus mit kredenzter Outdoor-Brutzelküche. Nein, er hätte die Wunderbar einfach deshalb gemocht, weil sie dem Dom Kultury von Igursk ähnelt. Das will was heißen! Sofern man den Aufzeichnungen der Wissenschaftler namens Rymov aus den späten 1960er-Jahren Glauben schenken möchte.
Kurzum - der sportliche Tourgolf wird entleert, geparkt, die Bühnenecke hergerichtet, die DJ-Anlage mit dem Docs-Equipment gekoppelt. Verheißungsvolle Töne strömen aus den Boxen, der Soundcheck gelingt nach leichten zwanzig Minuten, im Kühlschrank steht viel Bier. Pichelstein greift ins falsche Fach, öffnet ein alkoholfreies Störtebeker zum Verzehr. Der Irrtum wird erst bei Trockenlegung des Flaschengrundes gewahr. Aber gut, sehr lecker dennoch, da gibt es nichts zu deuteln.
Unterdessen trifft feierfreudiges, stilvoll gekleidetes Volk ein, die Mehrheit ist beladen mit gerechten Geschenken, andere schlurfen bereits verträumt am Weinglas. Chemie Leipzig-Fans sind in der absoluten Mehrheit und ein Ex-Spieler steht später gar am Grill. Feilgeboten werden eigens hergestellte Würste mit dem Zaubergrün Estragon.
Dass sich Aris und Doc Makarios seit Ewigkeiten kennen und gegenseitig schätzen, wusste Doc Pichelstein lange zuvor. Worauf diese Seelenverwandtschaft beruht, erfährt er im Party-Intro, ein einleitender Talk in Bühnennähe. Die beiden Vertreter einer musikalisch-künstlerischen Subkultur lernten sich bereits in den 1980er-Jahren kennen; Makarios beflügelte Aris einst im Offsetdrucker-Metier zum Malen. Dessen stilistischer Weg führte schließlich an die HGB, Makarios folgte musikalischen Brettern. Was gut ist, denn sonst hätte es die Docs nie gegeben.
Das Buffet ist eröffnet. Teller füllen sich, es wird diniert, hach, lässt sich dieses eigentlich schwache Verb steigern? Man müsste "speisen", "genießen" murmeln. Mit gestopftem Mund. Vollen Bauches geht’s letzthin Richtung Bühne. Gäbe es Stoff, riefe jemand: Vorhang auf!
Da hält der Wind den Atem an! Los geht sie, die pompöse Pratajev-Reise, geplant wie geliefert wird am Ende ein knapp 1,5-stündiges Set, in dem Pichelstein der Sechsgeschossigen alles abverlangt, Makarios das Antlitz Pratajevs bei bester Laune klont, Hit an Hit gespielt, bester Whiskey gereicht wird. Dem Publikum gefällt's, es wird gejohlt, gefeiert, Künstlerbrot verteilt, am Rande gar getanzt.
So wünscht man sich das als Russian Doctor bis zur letzten Schnapsbar. Die den späteren Abend einleitet, der in wunderbaren Gesprächen unter gepriesenen Getränken mündet, nicht endet. Irgendwann kommt aber doch das unvermeidliche Funktaxi.
Lieber Aris, liebe Menschen aus dem Umfeld der Wunderbar, Schöpfer, Denker, Lenker, liebe Gourmetmeister, Euch allen gebührt ein kräftiger Doctors-Dank.