The Russian DoctorsTheRussianDoctors

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11. Dezember 2018, Leipzig / Privat im Stelzenhaus PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Sonntag, den 20. Januar 2019 um 20:10 Uhr

Der Loptschevsker Kalender macht’s möglich (401)

 

Vier Tage nach dem Krause-Konzert geschieht eine wissenschaftlich kaum mögliche Unglaublichkeit. Das 401. Konzert findet vor dem 400. Konzert statt. Aber so ist das nun mal, wenn man den Loptschevsker Kalender bemüht. Und sich – nebenher gesagt – noch eine kleine Privatparty aufschwatzen lässt, mitten in der Woche.

 

Konzertiert wird in einem der faszinierendsten Bauwerke der industriellen Moderne in Leipzig-Plagwitz, im Stelzenhaus. Anlass ist eine Geburtstagsfeier und gewünscht wurde ein Geburtstagslied. Die Russian Doctors erfüllen fast alle Wünsche, und so kommt es später erstmals zu Gehör, das Lied, in dem es darum geht, dass man noch nicht nach feuchter Erde riecht und deshalb ein paar Runden auszugeben hat.

 

 

 

Doch zuvor wird gespeist, gibt es Currywurst in Suppe plus Brot. Und Salat. Und Bulbash. Für jeden Wochentag einen, dann köchelt es bereits auf der wohltemperiert ausgeleuchteten Bühne. Doctor Makarios ruft das feiernde Volk in die Konzertecke. Doctor Pichelstein scheppert los, der „Rotarmist“ bewohnt ab sofort einen Keller im Stelzenhaus. Und das in einer Zeit, in der sich junge Damen mit einem Knöchelschal schmücken. Sofern er wenigstens vom Wollschwein ist, soll es uns schnuppe sein.

 

Es wird getanzt, gefeiert. Die Doctors legen rasenden Sound unters Leben und schon scheint die Sonne in jedes aufmerksame Herz. Da kann der Regen draußen noch sehr gegen die Scheiben hämmern. Kaum einer der Gäste hatte zuvor jemals etwas über Pratajev, den Meister des russischen Sprachfloretts, gehört. Gegen Ende des Konzertes, nach ausgedehnter Pause mit Zugaben im Ohr, ist das nun anders. Das Jahr darf ausklingen mit einem Liedreigen der Russian Doctors. Mit einer Flasche Bulbash in der Tasch‘. Zu erwerben beim Don Wodkartell, wie eh und je eine liebliche Kombination aus grobem Tun und feinem Stil. Dann verabschiedet man sich vom Geburtstagskind, von der Runde. Danke, bis bald, wenn sich unsere Wege wieder kreuzen.


 
07. Dezember 2018, Leipzig / Frau Krause PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Sonntag, den 06. Januar 2019 um 13:18 Uhr

Schnitzel? Alle! Krause? Voll! (399)

 

21 Uhr. Das Jahresendkonzert der Russian Doctors darf starten. In feuchter, klammer Jahreszeit, in der jeder Huster das eigene Ende ahnen lässt. Aber das kann warten, niemand soll zu früh über den Deister gehen, gegen jegliches Siechtum sind doch Kräuter gewachsen. Man muss dafür gar nicht in den Wald gehen, nein, man holt sich „Die Heilung“ neuerdings direkt am Magazin der Russian Doctors ab. Sorgfältig verkorkt, lecker und gesund. Eine lebensverlängernde Bereicherung. Eine lebensverschönernde obendrein, denn wer niest schon gern mit vollem Wodka-Mund?

 

 

Da sind wir also wieder einmal in der Frau Krause. Eine Kür, eine Tradition, die sich nun schon seit acht Jahren ununterbrochen (ungebrochen wäre gelogen) hinzieht. Und wie einst bei der Premiere, am 26. November 2010, wurde auch diesmal vorher attraktiv gespeist, getrunken und auf Pratajev angestoßen. „Schnitzel alle? Krause voll!“, so muss es sein. Und: „Prost, mein lieber Wirt, hier ist’s schick“, ruft man wirklich gerne durch den Saal. Möge auch heute der Abend voller Wunder sein.

 

Knapp vier Wochen später wird dieses Logbuch verfasst. An was soll man sich erinnern? An die Minuten nach der letzten Zugabe. Als ein reichlich abgefüllter Fischgrätenweitwerfer auf die Bühne stürmt und ruft: „Ich bin Russe! Lasst mich an die Gitarren! Ich kann was spielen!“ An Stoff-Biber und Holzlöffler im Publikum. An dunkle wie helle, an erwartungsfrohe Blicke. An unglaubliches Staunen, an einen Doctor Makarios mit naturgewaltiger, tabakgepflegter Südsee-Stimme. An einen schweißgebadeten Doctor Sauna-Pichelstein, an einen frischfröhlichen Geschwindigkeitsrekord auf dem akustischen Gitarrenboliden. Natürlich an das wunderbare Publikum, an sternsingende und sternhagelvollsingende Menschen aus nah und fern. An Pratajevs Weisen, die unverbrämt, direkt und roh ans Publikum gebracht werden. Die uns zeigen, wie schön die Welt sein kann. Wenn man freundlich, wenn man gut zueinander ist.

 

 

Pratajev lautmalte einst über die Liebe, den Schnaps, das Leid und die Freude. Verzicht war nie seins. „Wer auf etwas verzichtet, das er gerne haben möchte, wird nicht glücklich,“ soll er einst im Teehaus Protnik zum Wirt Romakow gesagt haben. Dass es unmittelbar danach mindestens im Umkreis von 30 Kilometern zu schweren sittlichen Verwahrlosungen kam, ist nicht überliefert, darf aber gemutmaßt werden. Leider entstand, soviel ist weiterhin überliefert, eine Gegenbewegung, die Moralische Bewegung Mittlerer Ural (MBMU). Ihre eiernde Lebenshaltung, die streng genommen keine ist, lautete: „Richtig glücklich ist nur der, der anderen etwas verbietet.“ Bereits Anfang 1955 wurde diesbezüglich eine erste komische Sache erfunden, die „Diät“. Auch „Mord am ungegessenen Schwein“ genannt. Die Ausläufer der MBMU begegnen uns heute alltäglich; absolut inakzeptable Berufsgruppen entstanden. Ein schlichtes Beispiel ist die der "Motivationstrainer". Ihr Tun lässt wenig Edles erkennen.

 

 

Jeder Einzelne wird auf dem Gebiet des Verzichts bereits Erfahrungsmüll gesammelt, und von Zeit zu Zeit gar misslaunig: „Na, dann eben nicht!“ gerufen haben. Und? Wie fühlte es sich an? Befreiend? Nein. „Drum werfe Holz in den Kamin, wer friert.“ (Zitat aus: „Das Testament Prumskis“). Um derlei zu verinnerlichen, brauchen wir mehr Pratajev in uns, mehr Russian Doctors-Konzerte um uns, stete Heilungen und einen guten Segen-Regen für die notleidenden Wirtsleute aus Miloproschenskoje. Wohl bekommt's.

 

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 06. Januar 2019 um 13:51 Uhr
 
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