The Russian DoctorsTheRussianDoctors

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26. März 2017, Markkleeberg-Gaschwitz/Reuters Radlerhof PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Samstag, den 01. April 2017 um 10:44 Uhr

Pichelstein in Seenot: Frühe Schnäpschen und die Folgen (365)


Herrlich, dieses Kaiserwetter. Ein wahrhaftes Frühlingswochenende bricht über die Buchmessestadt herein und darüber erhabene Doctoren werden zum Frühschoppen chauffiert. Der erste seiner Art in der gemeinsamen Geschichte. Getreu den Worten des Wunderheilers Madeiro Portugalski dünkt Pichelstein die warnende Lehre: „Frühe Schnäpschen können Folgen haben.“ Welche genau, verriet Portugalski leider nicht und so wird schließlich im Radlerhof zu Gaschwitz gegen zehn Uhr in aller Frühe die Bühne errichtet. Seit Tagen sind die Sitzplätze im Saal ausverkauft, glücklicherweise kann nach draußen hin expandiert werden. Du Sonne am Himmel, du Gute. Nach dem gar nicht mehr enden wollenden Soundcheck, der sich unter Klatschen und Lachen der bereits Anwesenden wie ein erster Konzertblock anfühlt, reicht der Wirt erlösende Kaltgetränke. Fürst Fedja kippt sich derweil Mut an, soll es doch heute zu jeder Bulbash-Sorte mikrofonierte Vorträge geben. Warum ist es etwa für dünnhäutige Veganer auf dem Weg zur inneren Heimat unbedingt wichtig, Birkenblätterchen zu verkonsumieren? Solche Fragen bedürfen der Antwort des Vertriebspaten himself. Mit tänzerischer Grazie schreitet Fedja von der Schnapsbar zur Bierbank hin und her und feilt besonnen an Mimik, Gestik, Frisur und Rhetorik.

 

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Nachdem sich letzte Plätze mit hungrigen, durstigen Leibern gefüllt haben, Berlins Forscher Eademakow die erlauchte Position des Kameravollstreckers eingenommen hat, geht’s los. Ärzte ohne Bremsen kennen kein Fahrerlager. Mit Verve prescht Makarios durchs Landleben, nimmt jeden guten Schluck mit, den Pratajev einst wortreich veredelte. Die Sektion Böhlen, gepeinigt durch allerlei Schufterei, die ein Umzug mit sich bringt, durchlebt eine Phase des Ruhens. Schließlich ist Sonntag, es geht auf Schlag zwölf zu. Rasenmäher, Bohrer und Hammer schweigen. Kein Zuhälterwagen fährt vorbei, nein, es sind Radfahrerfamilien. Pichelstein, am Fenster der Bühnenecke mit herber Mezzohärte auf die Erlenholzige eindreschend, beobachtet beim Saitenstimmen immer dasselbe Bild: Ein Mann fährt voran, eine Frau mit den Kindern hinterher. Ein Mann deutet auf den Radlerhof, braucht eine Rast, ein Bier und mehr. Doch die Frau sagt: „Nein! Wir fahren der Sonne hinterher.“ Der Mann nickt traurig. Er sieht aus wie ein Hamster im Rad, Frau und Kinder sind auch darin gefangen. Die Kinder fragen: „Sind wir bald da?“ Doch das Hamsterrad dreht sich weiter der Sonne hinterher. Na gut, sowas geht einem Gitarristen manchmal beim Konzert im Kopf herum. Schnaps wird gereicht, Riesenapplaus, Pause, Vortrag Fürst Fedja.

 

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Weitere Darbietungsblöcke in genau dieser Reihenfolge ergeben sich geflissentlich, im Schweiße baden die Doctoren über die letzte Zugabe hinaus. In einer Ecke ist ein Schild in DDR-Schrift auszumachen, darauf steht: „Der Zutritt zur Tanzveranstaltung in Niethosen und Turnschuhen ist nicht gestattet.“ Prüfende Blicke. Niemand trägt Niethose, Turnschuhe kommen aber vor. Pichelstein fühlt bereits leichte Seenot aufsteigen, die sich nach dem Verputzen eines Bauernfrühstücks kurzfristig wieder legt. Einen Trank müsste es geben, der stante pede zu kluger Nüchternheit führen würde. Wissenschaft, mit Tadel in der Stimme sei dir gesagt: Braue sowas zusammen. Nicht ohne Grund fällt diesem vor-vorletzten Tourtagebuchsatz ein leicht klagendes Vibrato anheim. Wenige Stunden später findet sich Prumskis Erbe in der Notaufnahme wieder, kann diesen unheiligen Ort aber nach graziler Wundversorgung wieder verlassen. Im Arztbericht steht geschrieben: Frühe Schnäpschen und die Folgen.

 

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Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 01. April 2017 um 11:04 Uhr
 
03. März 2017, Rostock/Galerie AURIGA PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Montag, den 06. März 2017 um 20:20 Uhr

Helene-Fischerstraße 12 (364)


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Ein herrlicher Freitagvormittag. Die Sonne scheint. Es wird doch wohl nicht Frühling werden? Während irgendwo auf der Welt Damen in String Tangas traurig ins Nichts schauen, holpert der VW Diesel über die Stationen Makarios-Home (Kaffee, Kippen, Lieferungen des Major Labels ins Auto wuchten), Post (Bestellungen verschicken), Büro (Lieferungen des Major Labels in den vierten Stock wuchten), Cafe Seltsam (Bulbash-Karton einladen), FraFö-Home (Fürst Fedja, frisch geduscht, einladen), Tankstelle (Bockwurstlutscher, Kippen, Cola, exotische Reisewässerchen, die an seltenen Früchten vorbeiliefen) Richtung Autobahn. Da Fedjas Schmette weiterhin die Werkstatt hüten muss, ist Pichelstein zum Fahren verdammt. Aber nicht für immer, denn an der Rostocker Galerie AURIGA wird Frank The Bulbash-Tank zum Grüßaugust-Robert juchten, um die Anlage zur Beschallung des Publikums einzufrachten. Grüßaugust? Genau. Ex-Inchtabokatables, eine der Spätjugendliebebands des Doctor Pichelstein, keine Frage. Was waren sie doch arg wild die Zeiten, als man noch vom nahtlosen Übergang des Studiums in die Rente träumte. Doch weder in der Rente noch in Rostock ist man. Berlin links liegengelassen dauert die Reise noch ein Weilchen. Ein Autohof bietet leckere Suppen feil, drinnen gaunern Geschäftsmänner um Damen in String Tangas, die traurig ins Nichts schauen.

 

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Heute vernissagieren die Doctoren in Rostock und zwar zur Eröffnung der Ausstellung „Skulptur und Collage“ des Künstlers Peter Lewandowski. Weitere Beteiligte (eine Auswahl): Matthias Schümann, Weine & Mehr, das Wodkartell und (wir wollen es vorwegnehmen) derart viele Menschen, dass noch Jahre später ruhigen Gewissens behauptet werden darf: Wow. Was war das denn? Kunst traf The Russian Doctors-Fans, Kunst-Fans trafen The Russian Doctors. Die Bühne war schlauerweise dort angerichtet, wo der Alkoholausschank eine bunte Schnapsbar zelebrierte. So trafen die genannten Gruppen stets aufeinander. Beizeiten fielen sie sogar, wilder Pogo-Einlagen geschuldet, übereinander. Doch kein Glas, keine Kunst, kein Becher zerbrach. Mancher Gast verzerrte zwar die Lippen, weil er nicht glauben konnte, was Makarios über Pratajevs Wirken, all die toten Katzen und gefesselten Frauen, da sang. Manche Gästin schüttelte ungläubig das Haupt, weil sie nicht glauben konnte, wie Pichelstein auf der schwarzen Yamaha-Gitarre in Lichtgeschwindigkeit um Bilder, um Skulpturen raste und ferne Sonnensysteme darin entdeckte. Sogar Leben. Leben, ja, die schönste Unterwerfung des Alls. Nur auf der Erde als Fertigpackung zu bekommen, allerorten sonst stets aus den Nähten platzend. Je öfter dem Pichelstein kostbarer Bulbash durch die Kehle rann, desto unheimlicher wippte er mit den Hüften, hauchte ins Mikrofon und wähnte, in der Helene-Fischerstraße 12 zu konzertieren. Anmerkung: Bitte so nicht ins Navi eingeben, Fischerstraße 12 reicht durchaus. Fürst Fedja eilte durch die Galerie um das Volk mit Pratajev-Büchern, Tonträgern und Schnaps zu versorgen, darunter einem singulären Lebenshunger nicht abgeneigt. Robert zählte Bayreuther Biere und in der Konzertpause überlegten viele, wann man die Doctors zuletzt sah. War es in Leipzig? In der Frau Krause, 2013! Auf dem Niex-Festival? Im Pleitegeier? 2009!

 

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Hinfort, verrußte Brille der Winterdepression. Gleiten wir von der Mitvergangenheit ins Präsens zurück und wollen in Zukunft schwören, fortan wieder regelmäßiger Rostock heimzusuchen, diese wunderschöne Ostseeperle. Neben all dem Sanddorn und anzündbarem Pfeffi wird hier nun Bulbash ausgeschenkt. Fragt nach bei Weine & Mehr. Die Betonung liegt auf? Mehr!

 

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Zuletzt aktualisiert am Montag, den 06. März 2017 um 20:46 Uhr
 
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