The Russian DoctorsTheRussianDoctors

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24. Juni 2018, Dresden/Elbhangfest, Grottenwirtschaft PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Mittwoch, den 27. Juni 2018 um 19:56 Uhr

Wiehernde, dieselbetriebene Kutschen und zwei Stunden Sonne (392)


Mittags, 13 Uhr in Deutschland. Die Russian Doctors sind auf dem Weg zur nun schon 15. Elbhangfestteilnahme. Gibt es dafür Treuepunkte? In welches Heft klebt man die ein? Das Wetter ist fies wie nie, alles ähnelt irgendwie dem Bockwurstaufbereitungswasser an der Tankstelle in Temperatur, Farbe und Konsistenz. Doch keine Sorge, Elbhangfest. The Russian Doctors führen im zweiten Gitarrenkoffer eine opulente Sonne mit sich, gleich neben einem Strahlemannkarton Bulbash im Wagen verstaut. Ankunft an der Grottenwirtschaft: B-mom rocken standhaft in dicken Jacken und sehnen sich einen Heizpilz herbei. Das frisch gezapfte Nass schmeckt und den Puhdys wird eine Coverversion geschenkt. Auf der anderen Elbseite klart es sich langsam auf. Was bleibt, ist der Wind. Eigentlich wollten die Doctoren heute hoch hinaus, auf dem Dach spielen, doch wird dieses Ansinnen sicherheitshalber aufs nächste Jahr verschoben.

 

 

Fürst Fedja baut den nichtbeschirmten Merchstand auf. Ein fröhlicher Optimist, hofft stets das Beste und hat das Schlimmste im Blick. Denn eben schauerte es noch aus Kübeln. Doch es klart sich weiter auf. Erst als B-mom die Bühne räumen, lässt Pichelstein sie raus, die Sonne. Sie blickt kurz im Uhrzeigersinn übers Elbtal und entscheidet sich donnergeküsst für einen Stehplatz über Loschwitz. Die Crew um Professor Hendrik will es kaum glauben. Sonne? Sonne! Wohlig warm wird’s unter ihr, raus aus den dicken Klamotten. Man gerät, beim gemeinsamen Bühnenaufbau mit den Jungs von der Klimperkiste, nahezu ins Schwitzen. Wenn nicht ins Schwärmen. Wird doch nebenher eine wodkagefüllte Russenknarre im Bestellkarton geschenkt. Die Übergabe erfolgt von einem Elbhangfreund mit Kennermiene, die keine Widerrede duldet. Danke!

 

 

Die Strecke füllt sich. Wiehernde, dieselbetriebene Kutschen fahren vorbei. Die Pferde schwimmen gleich um die Ecke. In der Soljanka. Pichelsteins Augen leuchten angriffslustig, das Intro ertönt. Makarios schreitet zum Mikro. Nachmittags, 15:30 Uhr in Deutschland. Die Russian Doctors legen mit hartem Anschlag los und es macht Spaß wie nie an der Grottenwirtschaft. Pratajev wird auf die Reise geschickt und Zufallspublikum hegt gleich zu Anfang den Verdacht, dass diese Reise eine recht obskure, wenn auch lehrreiche, werden wird. Damen, von denen man sonst Reformanten wegen was auch immer erhält, bleiben stehen. Man hegt den Verdacht, dass sie stante pede in Sauflaune verfallen.

 

 

Mit schlafwandlerischer Raffinesse jagt Pichelstein durchs Set, frühe Schlüsselszenen des Konzertes bilden die Bühnenankunft brauner Leckerschnäpse und selbst der kühnste Optimist hätte zu Anfang des Tages nicht gedacht, dass Pichelstein heute seinen Jahresrekord auf der Schnellgitarre übertrumpft. Pratajevs Gedichte wuchern, laufen aus und kulminieren zu Geschichten. Der Blick des Dichters auf die Welt, wie er sie in Russland vor vielen Jahren sah, beherrscht die Lachfalten des Publikums. Sämtliche Frömmigkeit weicht aus den Gesichtern, mit tänzerischer Grazie wird applaudiert. Manches Kindelein singt lauthals mit. Lange vor dem Nachbeben, dem Wunschblock aus erlesenen Zugaben, platzt die erste Stahlsaite. Nolens volens muss die Ersatzgitarre vom Haken genommen werden. Und die Sonne? Strahlt, überlegt sich, ob sie einen verspielten Regenbogen an den Himmel malen soll. Lässt es aber bleiben. Denn nach dem Auftritt der Russian Doctors, jetzt ist es so weit, Faktor X scharren mit den Hufen, wird sie zappzarapp wieder in den Gitarrenkoffer gesteckt.

 

 

Foto 1: Fürst Fedja, Fotos 2-4: Danke an Inge A. Polenz


Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 28. Juni 2018 um 06:51 Uhr
 
23. Juni 2018, Halle/Privat in der Kulturhalle, im Industriegebiet Nord PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Dienstag, den 26. Juni 2018 um 19:34 Uhr

Public Jubeling (391)


Kälteschock im Juni. Um satte zwölf Grad sanken die Temperaturen in der vorvergangenen Nacht. Glaubt man den Katastrophenforschern, scheint die Versteppung ganzer Landstriche, scheinen Durst, Hunger und Not mit dem aufziehenden Regen fürs Erste ad acta gelegt worden zu sein. Weil gut zweikommafünf Wochen lang die Sonne schien. Man mag sich kaum ausmalen, was sich wiederum Katastrophenforscher ausmalen, wenn die Sonne (wohlgemerkt an der Schwelle zum Sommer) satte dreikommafünf Wochen lang fett zu scheinen geruht? Wüste Gobi droht Brandenburg zu erreichen? Letzte Oase: Cottbus? Auch im Industriegebiet Halle-Nord hat es ordentlich geschüttet.

 

Trotz alledem: Eine Flucht vor dem Regen ist es nicht, die den Doctoren-Tross hertreibt. Obschon Leipzig an diesem Wochenende wirklich keinem zu empfehlen ist. Über zwei Tage lang immigrieren 80.000 Flüchtlinge Open Air zu den Pendants der Lieben Tanten. 84.000 suchen Trost und Heimat bei Helene Atemlos Fischer. Großstadtflair hat seine Tücken, der sympathische Nachbarort Halle ist manchmal sehr zu beneiden. Smiley.

 

Nun, Matthias und wer noch feiern dort Geburtstag. Genauer: in der Kulturhalle an der Döckritzer Straße, im Industriegebiet Nord. Das immer verrückter werdende Navigationsgerät (neulich hieß es noch A14, jetzt: Autobahn eins-vier) meint es insgesamt gut, wählt den schnellsten Reifentöterweg über Panzerstraßen und Kopfsteinpflaster und führt den BMW gerührt und geschüttelt ans Ziel.

 

 

Sogleich wird die Bühne bebaut, soll doch vorm Konzert das erste Schicksalsspiel der „Die Mannschaft“ geheißenen deutschen WM-Elf gegen Schweden über die Leinwand flattern.

„Komisch“, sagt Pichelstein. „Schweden ist doch schon Weltmeister.“

„Ja, beim Eishockey,“ insistiert Makarios. Das ist Fußball.“

„Ach!“

 

Routiniert basteln die Doctoren am Sound. Testhörer Fürst Fedja reckt nach kurzer Weile den Daumen in Topmanier in die Luft. Wird auch Zeit, denn am Smoker draußen wendet man Schaschliks. Die Salatbar ist bereits überproportional befüllt und steht der Schnapsbar in nichts nach. Es wird geschmaust und dann Fußball geschaut. Unfassbare Dinge geschehen, die einen ratlos durch den Raum wandern lassen. Schweden führt nach einer Flanke des Greifswalders Toni Kroos 1:0. Verhunzter Mist! Marco „Was soll ich mit dem Führerschein?“ Reus stolpert den Ausgleich über die Linie. Jérôme „Imelda Marcos“ Boateng, der Mann, der angeblich 650 Paar Schuhe besitzt, fliegt gelbrot vom Platz. 95. Minute. Die Stimmung in der Kulturhalle ist am Boden, Deutschland zu diesem Zeitpunkt aber sowas von raus aus dem Kreis der Achtelfinal-Aspiranten. Ein Doktor spricht mit einem Hauch von Traurigkeit zum anderen: „Sieht ganz so aus, als müssten wir gleich nur Balladen spielen.“

 

 

Doch! Sekunden vor Schluss kennt der Jubel keine Grenzen. Bindegewebe verbindet! Die Doctoren pusten Luft nebst Grillbröckchen von den Backen durch die Zähne. Der Abend, an dem Toni Kroos aus der DDR das 2:1 gegen Schweden schießt, findet seinen krönenden Beginn im gleich danach folgenden Konzert der Russian Doctors. Das Public Jubeling geht nahtlos weiter mit glücklichen Gesichter, mit Cheerleader-Kindern, die jeden Song in der ersten Reihe vergolden. Bis manche von ihnen erschöpft, direkt vor einer PA-Box, auf Iso-Matten gebettet werden. All das ist wahrlich herrlich anzusehen, man wünscht es sich viel öfter. Danke an dieser Stelle! Auch sonst: Niemand sitzt mehr, schließlich ist das hier keine Justizvollzugsanstalt. Doctoren auf der Bühne, Bulbash in der Blutbahn: Was kann es schöneres geben? Pichelsteins Finger platzen vor Speed, Makarios‘ Stimme donnert mit voller Wucht und Elan durchs Industriegebiet. Zwei Stunden später, auf eine Pause wird verzichtet, hält der Wind den Atem an. Draußen tröpfelt es aus Wolken-Prostatae heraus und nach der letzten Zugabe plus Schnapsbar ist das Konzert zu Ende gespielt. Oder so: Aus, aus, aus, das Konzert ist aus. The Russian Doctors sind Weltmeister!

 

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 27. Juni 2018 um 20:26 Uhr
 
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