The Russian DoctorsTheRussianDoctors

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21. April 2018, Leipzig/Neues Schauspiel PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Mittwoch, den 25. April 2018 um 20:29 Uhr

Techniker haben für jede Lösung ein Problem (388)


Wer morgens frühstückt hat sein Leben im Griff. Außer Chuck Norris. Der frühstückt abends. Eine alte Weisheit nicht nur aus dem Musikerleben. Gilt sowohl für Heim- als auch für Auswärtsspiele. Heute ist ein Heimspiel und zwar am bisher heißesten Tag des Jahres. Grillschwaden ziehen nachmittags über eine Freifläche im Leipziger Westen. Sollte man den Jungs und Mädchen dort zurufen, dass das Areal, auf dem einst kontaminierter Bauschutt, Lacke und Farben aus der angrenzenden ehemaligen Baumwollspinnerei abgekippt wurden, dafür bedenklich ist? Ach nee, weiter geht’s im VW Diesel zum Proberaum. Ärzte konsultiert man bekanntlich immer erst dann, wenn der Ofen fast aus ist. Die Russian Doctors sind dafür nicht zuständig und haben überdies anderes zu tun. Für die Halbgötter in Punk-Variante soll noch geprobt werden. Doctor Jeans feuert die Regler hoch, setzt sich ans Schlagzeug, und alle legen los. Gut einskommafünf Stunden später ist das Neue Schauspiel in Lindenau erreicht, warten die sanften Qualen des Bühnenaufbaus, gekoppelt an einen nie enden wollenden Soundcheck.


 

Zwischendurch werden Kaltgetränke verteilt, Mundschenk Fürst Fedja gibt sein gekröntes Bestes. Conny Cocker, der mit dem goldenen Ronald an der gleichnamigen Gitarre anreiste, wird geherzt, steht doch heute für den Schlagergott am Gefühlshorizont das erste Auswärtsspiel an. Anfang des Jahres besuchten die Doctors bereits die Weltbühnenpremiere des Bratwurstkönigs von, respektive in Weimar, heute begrüßen sie den Freund aller Binnenschiffer und Luxusbienen als Attraktion zum 15-jährigen Bühnenjubiläum. Denn das steht über allem auf der Agenda und ganz dicke sogar in der Leipziger Volkszeitung. 15 Jahre, in denen stetig neue Rekorde aufgestellt wurden. Meist in Sachen Gitarrengeschwindigkeit, Vodkaverzehr oder geblitzter Autos. Was die Länge der Soundchecks betrifft, dauerte der schlimmste bisher eine Stunde und 30 Minuten. Heute wird dieser Wert locker um weitere 30 Minuten gesprengt.

 

Betrachtet man den sattsam bekannten Satz „Techniker haben für jedes Problem eine Lösung“ diametral, kommt nach philosophischen Gesetzmäßigkeiten stets das Gegenteil dabei heraus. Mehr soll dazu gar nicht gesagt werden – am Ende klingt der Sound ja auch toll – doch die Sache schlaucht schon sehr und die unbekannte Verpflegungsofferte im Backstage rückt nicht näher. Nein, sie schwimmt wie ein Kreuzfahrtschiff (auf dem wir Conny Cocker gerne einmal wochenlang erleben würden) immer weiter weg. In ferne Länder, fremde Kontinente, ach ja. Denn, wie bereits anfangs erwähnt: Wer morgens frühstückt hat sein Leben im Griff. Außer Chuck Norris. Der frühstückt abends.



Aufatmen! Es ist kurz vor Publikumseinlass gegen 20 Uhr. Die Verpflegung im Backstage erweist sich als gegrilltes mit niedrigem Fleischfaktor. Mit wirrem Haar und ohne Sonnenbrille taucht Pichelstein späterhin in die bereits anwesenden Zuschauermengen hinein. Es wird gestikuliert, gewunken, gerufen. Pichelstein ist gezeichnet vom Soundcheck und vom Grillkäse am Salatblatt. Da kann Fürst Fedja noch so viel Bulbash ausschenken, es hilft nicht.

 

Erwähnt werden muss an dieser Stelle: Pichelstein ist ohne sehgestärkte Sonnenbrille ein Stevie Wonder ohne schreckliche Lieder. Nicht böse sein, wenn er nicht sofort zurückgrüßt. Man soll ja auch nicht immer sofort drauflos winken, vielleicht ist gar ein anderer gemeint. Die Kurzsichtigen wurden für den Nahkampf ausgesucht. Die Weitsichtigen führen sie in die Schlacht und mit einer 1-Eurobrille auf der Nase gelingt es ihnen sogar eine Karte vom Schlachtfeld zu lesen. Erkannt werden aber, haha, Kollektive im Ganzen: Die Naturbäcker, Hallo! Die Pratajev-Fraktionen Birkholz, Riga und viele mehr, kurzum: der Saal füllt sich, auf zur ersten Runde.



Makarios hält mit geschmiedeter Stimme Rückblick auf erste 15 doctoreske Jahre, dem Anlass entsprechend wurden fast nur Pratajev-Weisen ausgesucht, die genau so viele Lenze auf dem Buckel haben. Vom „Rotarmisten“ über „Da hält der Wind den Atem an“ bis „Die schöne Welt“ ist alles dabei. Kommen wir zu einem weiteren Rekord, ebenfalls heute neu belebt, einem sehr angenehmen. Die schnellste Doppelschnapslieferung zur Bühne, die es je gab, wird im Bulbash-Buch der Rekorde vermerkt. Wow. Und dann ist Conny Cocker dran. Wie herrlich, wie millionärig. 45 Minuten Don Cocker lauschen sind 45 Minuten pures Glück. Pause. Sacken lassen. Schniefen. Punkrock! Die Doctoren Jeans, Pichelstein und Makarios legen los. Es faucht die Elektrik, es dampfen die Schnäpse, es wird getanzt, wild getanzt. Pichelstein wagt einen Zweimetersprung zur Decke und schafft verkabelte 20 Zentimeter. Diese verdammte Erdanziehung, schon hat er wieder viel zu festen Boden unter den Schuhen. Man könnte stundenlang weiter-punken, höher springen, noch mehr singen. Doch das geht nicht, und so endet das Konzert mit einem letzten Wodka Wodka-Thrill bevor die halbe Stadt lahmgelegt wird. Grund: Ein Marathon. Bevor dieser Sneaker-Virus um sich greift, folgen die Nachfeiern im Cafe Westen, im Noch Besser Leben. Es fließen Bäche aus Gold, auf denen Paare schwarze Schwäne nie auseinandergehen.

 

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 25. April 2018 um 20:59 Uhr
 
14. April 2018, Leipzig/Privat im Bandhaus PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Montag, den 16. April 2018 um 20:17 Uhr

Mugge kommt von Muggis (387)


Na endlich. Die Gefrierkatastrophen scheinen anno 2018 Geschichte zu sein. „Als das Eis kam“ muss heute nicht gespielt werden. Über Leipzig lacht eine coole Sonne, über Gastgeber Jörg eine herzergreifende 40. Die Doctors sind an diesem Samstag auf privater Mission unterwegs, zum Operationszentrum wurde das Bandhaus im Stadtteil Plagwitz erklärt und bereits beim Aufbau der Bühne stehen die späterhin tanzenden Patienten Schlange. Es gibt neben anderen kulinarischen Verbrechen Guinness-Torte soweit das Auge reicht. Beim Soundcheck lernen anwesende Kinder Lieder, die am Montag in der Kita-Gruppe auswendig aufgesagt werden müssen. Kleine Kostprobe: „Gefesselt gefällt sie mir am besten…“ Und was nicht noch alles. Am Ende versucht Paul mit Helene anzubändeln, verwechselt im Trubel der Freizeitgestaltung leider ihren Namen und Helene ist so sauer drüber, dass sie eine Seifenblase platzen lässt. Eigentlich soll Paul malen, doch Paul will lieber Fußball spielen. Fürst Fedja kann das gut verstehen, erzählt einen Schwank aus frühen Tagen, der ihn locker hätte in den Jugendwerkhof Torgau bringen können. „Man zündet doch keine Gartenzäune mit geklautem Spiritus an, und tut vorher so, als hätte man dagegen gepullert“, gemahnt Doctor Makarios. „Wenn man schnell genug rennen kann, dann schon,“ pflichtet ihm Fürst Fedja bei.



Unterdessen hat der Catering-Service seinen Job erledigt. Es schmurgelt der Braten, es dampfen Klöße und Kraut. Insgesamt eine wunderbare Grundlage, um mit dem ersten Ramazotti anzustoßen. Gegen 21 Uhr sind es bereits mehrere gewesen, das Konzert kann losgehen, und die Kinder lernen noch mehr Texte für die Kita-Gruppe. Manche mögen sicherlich bereits zur Schule gehen. Wenn auf dem Pausenhof jemand „Beim Bücken“ singt, dann macht das nichts, denn Schulkinder sind ja schon groß und die Pausenlehrer haben eh alle eine Playlist im Handyohr. Heutzutage sind die Ohrstöpsel so klein, die fallen gar nicht mehr auf. Kleine Hörgeräte, aus denen die Russian Doctors singen und spielen.



Dem Ramazotti schließen sich erste Pfeffiladungen an, der bereits einigermaßen wiedergenesene Doc Makarios hält sich noch ein wenig zurück. Vor einer Woche frisch aus dem Krankenhaus entlassen, mussten gleich zwei Konzerte zur Jubiläumstour „15 Jahre TRD“ abgeblasen werden. Doch die Gesundheit schreitet immer voran und so folgt im Set „Die Heilung“, folgen wilde zwei Stunden „Livemugge“, wie der Sachse sagt. Und Mugge kommt von Muggis, aka Muckis. Das wissen selbst die Kinder, die den Zugaben nicht mehr lauschen dürfen. Was schade ist. Sie hätten fürs Leben gelernt, und außerdem ist der „Raucher von Bolwerkow“ ein tolles Pausenhoflied.

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 16. April 2018 um 20:23 Uhr
 
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