The Russian DoctorsTheRussianDoctors

Tourtagebuch

18. März 2011, Leipzig/PaperOne-Salon

Leipzig, aus Messeanlass heute mal wieder Bücherhauptstadt, macht es seinen Einwohnern und Gästen nach wie vor schwer. Das war schon immer so, sagen die, die es wissen. Das wird immer unglaublicher, sagen die, die es besser wissen. Fangen wir beim Irrsinn einer Olympiabewerbung an, nehmen die Umweltzone hinzu, umfahren allerorten jene Asphaltschlagloch-Minenfelder im Geiste Gaddafis, besehen den Braunkohleuntergrund mit seinem U-Bahnunsinn, rufen dann noch irgendeine debil besetzte Behörde an, in der sich ehemalige LPG-Kuhstallabsolventen zu Abteilungsleitern hochmelken konnten, schlagen die Zeitung auf und fragen uns, warum der Westen seine wirtschaftlichen Überflieger ständig über dem hiesigen Rathaus zum Absturz bringen muss. Nur zwei Beispiele der jüngsten Epoche: Import aus München: Wasserwerke-Heininger, aus Köln: LVB-Hanss. Näheres dazu (Veruntreuung, Steuerhinterziehung, Gesamtschaden in Millionen etc.) via Gerichtsprocedere. Dagegen hilft Lächeltherapie; wer mag, darf demonstrieren, zornige Leserbriefe schreiben oder einfach in ein Wohlfühl-Wohnzimmer der Enthusiasten eintauchen. Eines davon lädt ins Stadtteil Lindenau ein - in unmittelbarer Nachbarschaft zum Wege e.V. gelegen, befindet sich der Lesesalon des Poetenverlages PaperOne. Dass jener Verein sich um das Wohlergehen psychisch Erkrankter bemüht, soll an dieser Stelle eine ehrenhafte Randnotiz bleiben.

PaperOne-Chef Olli herzt The Russian Doctors im Frontstage, engagiert für den musischen Part des Leseabends. Getränke gibt’s an der Bar, im Klo glimmt eine Kerze auf Holz, nur ist besagter Raum (Tampons zum Mitnehmen auf dem Fenstersims) von innen verriegelt. Sollen darüber Brandschutzsorgen aufsteigen? Nein, keineswegs. Hauke von Grimm ist ein Poet der Tat, entsprechendes Werkzeug wird angetragen, bald bricht schon die Tür. Derweil lesen Klaus Märkert, Myk Jung, Michael Oertel, HC Roth aus Worten, Fernsehern und Werken. Im Hausflur gemahnt die Verwaltung: Miete ist fällig! Kann auch bar bei Frau S. eingezahlt werden. Gefüllt ist’s Wohnzimmer mit Andacht und Menschen und letzten Endes sitzen auch Makarios und Pichelstein dem Auditorium vor. Gedichte aus Pratajevs Zyklus „Lila Nina“ paaren sich mit Setperlen des aktuellen Feldmänner-Programms, münden allenthalben im nach oben offenen Zustimmungsbarometer. Schön warm ist’s und heiß gar im Wünsch-Dir-Was-Obolus. Das Elend der Welt ist nicht tastbar und draußen, bei den Verlagspartys der Helene-Hegemann-Tollfinder, wird damenweise Lipgloss nachgetragen. Mehr Aufregung ist unverzeihlich.

26. Februar 2011, Wittenberg/Irish Harp Pub

Wie Baumfreund Ekmel späterhin treffend skizzierte, wurde in Velten selbstredend wild bis hemmungslos getanzt, besonders nach der Pause. Doch nun heißt es: Abschied nehmen, den gemütlichen Gasthof verlassen. Nach Frühstück und dankenswertem Bettverbleib bis hinein in die erste Mittagsgeisterstunde. Sachsen-Anhalt ist das Ziel, genauer: die Lutherstadt Wittenberg. Das „Rom der Evangelen“, wie Doktor Makarios treffend bemerkt. Der Plan ist es, die samstägliche Bundesligakonferenz einmal ohne die in Tourtagebüchern viel zu oft vertretene Ohrverkleisterin Sabine Töpperwien erleben zu dürfen. Heißt: Eine Sky-Sportsbar muss her. Telefonisch werden zwei davon vor Ort ausgemacht. Eine davon, als „Pogobar“ am Handy missverstanden, wird sich nach getaner Reise über Wege (und vor allem Umwege) gar selbst als Poker-Sportsbar im Vereinsheim des Landesklassenvertreters Einheit Wittenberg (aktuell: Abstiegskampf) wiederfinden.

Nun kann man sich sicherlich denken, was einen da so erwartet. Beeindruckt von echten, gestandenen DDR-Männern, die vornehmlich einen Plastekamm in der Arschtasche und ein Beutelchen aus Lederersatz mit sich herumtragen, setzt sich Doktor Pichelstein an den Rundtisch. Der Becher Kaffee lässt nicht lange auf sich warten. Schön wäre zwar ein Bier gewesen, aber das geht noch nicht – der abendliche Irish Harp Pub wird erst in 90 Minuten, nach Spieleschluss, angesteuert werden können. Nürnberg führt auf Schalke, Kaiserslautern gegen Hamburg und die Besucher der Poker-Bar spielen laut schimpfend auf sich, bzw. andere, und somit gegen sich selbst. Sagt ein Kammträger zum nächsten: „Halt die Fresse, wir wollen Fußball gucken“, blickt dabei aufmunternd, um Zustimmung buhlend, beide Doktoren an. Vornehme Zurückhaltung ist angesagt. Die Frage: „Was sind das nur für Leute?“ kann man schließlich auch ins Tourbuch hineinschreiben oder laut denken, als Schalke und Hamburg jeweils ausgleichen oder als der erste Alt-Betrunkene arg verschwenderische Bierglasinhalte gen Holzboden verteilt. Nichts wie an die frische Luft, ans erste Kaltgetränk, immer wieder ein Höhepunkt, das Spielen im Irish Harp.

Die Bühne steht in wenigen Minuten soundgerecht zum Haps aus der Speisekarte, Guinnessblumen blühen schaumwärts und Miss Wittenberg hat Geburtstag. Ein Umstand, der allen im Pub im Laufe des Abends noch viele Hingucker bescheren wird. Taucht die holde Hoheit der örtlichen Gefesselt-Fraktion beim Konzert schließlich als Schwesternschülerin auf und fühlt Doktorenpulse. Herrlich. Boris Brutalowitsch, Pratajev-Neumitglied Nummer 52 in seiner Funktion als „Werwolfjäger“, platziert den Konzertmitschneider, Doktor Pichelstein frohlockt ob einer feinen Holunderschnapsflasche, dankbar gespendet von Begleitung Silvi und die himmelblaue Spendendose für die notleidenden Wirte von Miloproschenskoje thront, mittlerweile bereits anständig gut gefüllt, über der Abteilung Merch. Die Tür öffnet sich im Sekundentakt; schnell platzt der Pub aus allen Nähten. Der Wittenberger Pfarrer schafft es, einen der raren Sitzplätze in Ausschanknähe zu ergattern und ein Geheimnis kommt ans Licht. Jenes, warum es beim letzten Doctors-Konzert hier nur halb so voll war. „Da war Fastenzeit, jetzt spielt ihr hier vor der Fastenzeit…“ Aha. Na da muss man erst mal drauf kommen.

Foto: Boris Brutalowitsch

Das Konzert startet via Intro; die Bässe darinnen kollidieren mit den Ausgangsboxen der Konservenmusik. Die PA dagegen ist eine Wucht, klingt auch so, und fanatisch peitschen sich beide Doktoren durchs erste Set bis in die Pause hinein. Doktor Pichelstein scheint vom Sieg der Dortmunder gegen Bayern München auf Red Bull zu sein, doch so was trinkt der ganz gewiss nicht. Boris Brutalowitsch sorgt für gerechten Nachschub, ein Guinness, ein ganz leckeres, ein kaltes fließt in den ausgemergelten Gitarrenweltmeister hinein. Und nach der Pause geht’s genau so weiter, fallen Zugaben auf die Bühne. „Gefesselt“. Natürlich, das Lied der Wittenbergerinnen, darf nie und nimmer fehlen. Aktiver Fetisch muss sein, schließlich befinden wir uns außerhalb der Fastenzeit.

Foto: Boris Brutalowitsch

Viel später beschleicht die Nacht ein Müdgefühl, längst sind Gitarren, Koffer und Kabel verstaut. In die Bierstuben geht’s. Nicht um dort zu trinken, wie vermutet werden dürfte, nein, dort wird geruht und gehofft, dass der nächste Mittag ein Erbarmen hat.

Es sei am Schluss dann noch erwähnt: Die Heimreise klappte ohne Unterlass, wenn auch mit freudiger Verwunderung vorbei an einer Senioren-Pension namens „Zum Biber“. Über Frostschäden, weniger über Belag, ging es unbeschadet heimwärts. Sonntag, du Wohl der Woche. Auf zum Eishockey, bzw. zum Mexikaner.

Wo liegt Velten? Ganz einfach. Richtung Berlin fahren, dann brandenburgisch abbiegen und schon herzt sich die ehedem berühmte Ofenkeramikstadt ins ausflugshungrige Navigationssystem gen Tonstraße, nebst passender Museumslandschaft, ein. Zwanzig Tage vor den Russian Doctors fand das letzte Konzert in Velten statt; die unverwüstlichen Puhdys gastierten „Am Katersteig“. Nicht „Am Katzensteig“ wohlgemerkt. „Wer die Puhdys-Konzerte kennt, weiß um ihre Gewaltigkeit – hier gibt es immer Rock ungeschminkt“, verrät dann auch ein kleiner Flyer oder Freier. Jedenfalls von irgendwo her scheint diese Information zu kommen. Ist ja auch nicht so wichtig, der Bundeskanzlerin schon lange nicht. Und so regiert die „Diktatur der Deppen“, wie die Financial Times neuerlich treffend titelt, puppenlustig ohne Doktortitel weiter. Pratajevs Erben ficht das nicht an; denn echte Doktoren, echte Veterinäre stammen meistens aus Murmansk und dort erwirbt man seinen Titel erst nach der 314. Kuhgeburt in Steißlage.

Mic’s Pizza, Mic’s Bar, das Veltener Gasthaus leuchten hell in den bitterkalten Abend hinein, als das Tourauto sein Ziel erreicht. In der Bar soll gespielt werden, Doktoren-Freund Steffen grüßt mit dem Freitagspils in der Hand, lange nicht gesehen, seit August letzten Jahres nicht, beim legendären Biker-Konzert in Oranienburg. Seinerzeit ebenfalls anwesend: Eine Anlage zur Beschallung des Publikums, denn die scheint im vorbereitenden Informationsfluss irgendwie untergegangen zu sein. Doch Velten wäre nicht Velten und Steffen wäre nicht Steffen, diesen Sender-Empfänger-Defekt alsbald reparieren zu wollen. Handys glühen, ratlose Zigaretten folgen frohgemuten, erst mal ein Stehaufbier, dann eine Sitzpizza, rüber in den Gasthauskeller. Aber nichts passt zunächst zusammen. Dann geht der Samariter Nummer 1 ans Telefon, ein DJ an seinem freien Abend. Doktor Makarios verhandelt den Anlagenpreis, DJ fährt vor. Und nochmal weg, mehr Equipment braucht die Not, denn selten werden akustische Gitarren in Kopfhörereingänge gehörig eingestöpselt. Der Preis steigt, der erste Becherovka schmeckt wohlverdient. Der verehrte Baumfreund Ekmel spendet eine Flaschenpost Holunderschnaps in Memoriam Bergsdorf 2010. Herrlichen Dank dafür! Vater Baumfreund wird freudig begrüßt, auch Bermasik Junior, Holzlöffelschnitzer der Pratajev-Gesellschaft, ist mit dabei. Ach und wer noch alles! Selbst Achselshirt-Fetischisten sind darunter. Sehenden Auges verbessert sich die spätere Livesituation der Doctors. DJ und Doktor Pichelstein schrauben, verklinken was das Zeug hält. Letztlich strömt der Gitarrensound aus einer Monitorbox, die mit passender Übertragungswelle ans Pult gekoppelt wird. Kurzer Soundcheck, Sennheiser-Mikros toppen die mitgebrachten SM 58er. Egal warum auch was geschieht: es klappt und mit welch großer Erleichterung die nächsten Kaltgetränke geschüttet werden, vermag sich jeder vorstellen. Und mit fast ebenbürtiger Erleichterung sammelt tatsächlich das Publikum (verneig, verneig) den Aufpreis für den Anlagenbau zusammen. Weihnachten fällt heute auf Ostern in Velten und alle haben jahrelange frei. Wenn nur nicht der Merchstand ein weiteres Mal umziehen müsste, doch selbst das koffert sich lächelnd wie von selbst.

Foto: Baumfreund Ekmel

Im Raucherzimmer von Mic’s Bar wird Geburtstag gefeiert. Ein Kontrastprogramm zum mittlerweile aufbrandenden Doctors-Konzert. Die juvenilen Damen tragen Hackschuhe und entsprechen – nicht nur in Mimik und Gestik - dem landläufigen Sprachgebrauch so genannter „Ischen“. Die Peergroup der Männer könnte einem aufklärerischen Werbespot der Gorch Fock entsprungen sein. „Wehe dem, der meine Ische anguckt“, steht es ihnen in den Gesichtern geschrieben. Doch wir wollen das alles gar nicht ab- oder bewerten, sondern lieber auf Pratajevs Gedichte „Junge Burschen tanzen“ und natürlich „Der Raucher von Bolwerkow“ verweisen.

Foto: Baumfreund Ekmel

Das Verhältnis Lied zu Schnaps dürfte mittlerweile bei 2 zu 1 stehen. Mitte des ersten Sets fordert Doktor Makarios vom Gitarrendoktor eine entsprechende Dopingprobe ein. „Mein Doktor, die Gitarre geht mit mir durch“, ruft Pichelstein flehentlich und bekommt Pfefferminzleckerli eingeflößt. Das Publikum geriert sich textsicher, auch hier fließen die Pinnchen, auch hier steigt der Geist Pratajevs aus allen verfügbaren Flaschen bis zum Pausentee. Doch selbst der ist ein Metaxa. Um nicht zu sterben, wie einst in Chemnitz oder nach dem 200. Konzert im Leipziger Flowerpower, wird Pichelstein nach der Pause auf Schnapsdiät gesetzt. Doch die Endorphine haben längst alle Überhand gewonnen, drum Prost und Danke und alle lieben Grüßen dieser Welt. Auch dem „Beim Bücken von hinten Zuseher“, Pratajev-Neumitglied Nummer 53 in seiner Funktion als „Kuhflüsterer“.

Sehr spät lassen sich die Holztreppen im Veltener Gasthaus auf der anderen Seite des Kreisverkehres erklimmen. Sehr erschöpft sitzt man da und grinst.

20. Februar 2011, Berlin/Duncker

Nachtspeicherheizungen sind so eine Sache. Abends wirken sie recht verlockend, hach, wie schön warm! Und bereits wenige Augenblicke später klirrt der Frost, hockt das Winterwunderland unmittelbar in Nasennähe herum. Doktoren bibbern ergo halbschlafend durch die Nacht. Am nächsten Mittag jedoch, da lockt die Wärme - ein paar Häuserblöcke gen Tornadodurchzugsgebiet entfernt. Und dank Niko Biberowitsch werden beide Pensionsgemächer, ausgestattet mit neuster Flachbildfernseherei (O-Ton Doktor Makarios: „Ich hab alles versucht, alle Knöpfe auf beiden Fernbedienungen gedrückt. Nichts! “) gen Frühstück mit Meerrettichaufstrich gerne verlassen. Schön! Gedeckter Tisch! Lecker und ganz lieben Dank an dieser Stelle ans besagte Ehrenmitglied, natürlich nebst Gattin, der Pratajev-Gesellschaft.

Söhnchen Kieran, dem Krabbelalter insofern entsprungen, dass bereits beim Pichelstein-Gitarrenbesaiten hilfreich zur Seite gestanden werden kann, bekommt zum Aufbruch noch das Lied von der Katz‘ gesungen. (…) „Sang doch der Kieran vorhin etwas über eine Katze die weg ist, also hat euer Mittagsständchen ihm gefallen,“ schreibt Biberowtisch dann auch wenige Tage nach dem kleinen Küchenkonzert der Erben Pratajevs. Die müssen aber nun weiter wandern; an gebrochenen Baumkronen, abgedeckten Tornado-Häusern und eingestürzten Fabriktürmen vorbei fährt’s Tourauto wie von selbst Richtung Berlin. Doktor Pichelstein schaltet den Autopiloten ein; der plakatierte Wegesrand zeugt von einer ganz neuen, wirklich tollen CD unseres Howard Carpendale. Gut sieht er aus, doch ein Kaiser, ein Roland wird er nie sein und werden. Dafür fehlt ihm einfach die Joana in der Stimme (geboren um Liebe zu geben / verbotene Träume erleben / ohne Fragen an den Morgen).

Ganz in diesem Sinne liegen Doktoren späterhin gemütlich und nacheinander, mit jeweils frischem Öl- und Schaumwasser, in einer Berliner Badewanne. Die Lichterkette glimmt, der Kaffee dampft, die Pizza schmort im Ofen, Bettruhe wurde verordnet. Weitaus besser, als die noch verbleibenden Stunden bis zum verabredeten Duncker-Soundcheck in einer Friedrichshainer Grünen-T-Stube mit Kinderwagendiktat zu verbringen (früher sagte man „Eckkneipe“). Manjoschka Gnatz, u.a. im Zuständigkeitsbereich „Lektorat“ der Pratajev-Bibliothek im Verlag Andreas Reiffer zu suchen, machte all dies möglich. Den Doktoren gefällt’s und so kann mit Fug und Recht abermals ein Erstling pratajevscher Doktorarbeit verkündet werden, nämlich: „Das erste Konzert der Russian Doctors, vor dem gebadet wurde.“

Hendrik, Jürgen, Steffi, der harte Duncker-Wirt – alle Lieben sind schon da und emsig geht’s auf Parkplatzsuche. Denn seit dem die Konjunkturpakete selbst in der Hauptstadt ausgepackt wurden, müssen Absperrgitter, Warnbaken und natürlich Parkverbotsschilder wirklich knapp geworden sein. Die Suche endet dennoch, zwar im Strafzettelgebiet, jedoch nicht in Abschleppszenarien. Gut so. Rasch ein Berliner Pilsener und noch eines, Bühne verkabeln, Soundcheck, rauchen, stehen, sitzen, Mensch, hallo! Lange nicht gesehen – Die Herren um Eademakow und weitere Pratajev-Freunde treffen ein. Hochverehrt, Euch alle hier zu sehen. Und ja, der Duncker ist so schön warm, kein Heizungslapsus Marke CWH wie gestern, herrlich.

Foto: EAdemakow

Die heutige Schönegeisterschau beginnt mit eröffnenden Worten des Neu-Pratajev-Forschers H. Peetersowitsch (vielleicht wird dieser Name noch überarbeitet bis zum nächsten Almanach „Haus aus Stein“), das Rund sitzt geschlossen und bestens mit sich gefüllt zwischen Bühne, Wänden und Schnapsbar. Die Raucherlonge ist verwaist und nach zwei Doktoren-Liedern gibt’s Doktor Pichelstein mal gitarrenbefreit, lesend, das irrlichternde Phänomen „verschwINDIEN“ betreffend. Dann wieder Doctors Live, des Forschers Eingebungen – abendlicher Höhepunkt für Makarios und Pichelstein, ohne Frage! – Pause, Doctors, Makarios liest „Pratajev – Meine Mutter“ und schlussendlich das abschließende Konzert, bestehend aus jenen Werken Pratajevs, die die meisten der Duncker-Gäste zum vielstimmigen Kanon animieren.

Foto: EAdemakow

Vor der Zugabe verschläft Doktor Pichelstein den anvisierten Showeinspieler, erst ein versprochener Eck-Jägermeister lockt ihn zu sich, dann geht’s weiter und weiter und letztlich doch nicht mehr. Punktlandung, Wende hin zum Abbau und endlich auch der Jägermeister. Nichts vom duftenden Badeschaum bleibt. Dafür sehr später noch die Reise mit dem Bus ins Futteral der Gemütlichkeit.

19. Februar 2011, Großenhain/Conny-Wessmann-Haus

Beide schwarz-rosa Hausschweine fordern imposante Andacht; Doktor Makarios ist gleich mit zwei prallen Maiskolben zur Stelle. Die Hofetikette verlangt’s beim geschichtsträchtigen Rundgang durch Stallungen und gerne wäre man mit den Katzen im heißen Ziegenheu verschwunden. Bitterlich fegt eisiger Wind übers Rittergut. Weiter müssen die Doktoren gleich, satt gefrühstückt und teilgeduscht. Aufgetragen wurde zudem ein Tourdeo namens Russian febreze, duftet nach Birkenwald und Kräutersud. Mit kleinen Trommelschritten überm Schnee fährt’s Tourauto von dannen, 11% bergab. Vorbei am Schloss in Crossen, einer Stadt, die einem wie ein Sprung durchs Zeitfenster gen Mittelalter vorkommt. Sogar die umherlaufenden Bewohner erwecken den Eindruck, frisch der Filmmaske eines Ketzerfilms entsprungen zu sein. Jugendliche gibt es auch, halb vermummt vorm Schlecker zu erspähen. Abgangszeugnis dritte Klasse - aber sieben Handyverträge, das möchte irgendwie gemutmaßt werden. Über gleich drei, weiterhin so genannte „neue Bundesländer“, geht’s Richtung heimatlichem Zwischenstopp.

Der Feuerwachturm hinter Katzenberg, dort, wo Großenhains erste Begrüßungsblitzer die Bundesstraße säumen, ist hell erleuchtet. „Erstaunlich“, entfährt es Doktor Makarios. „Und das bei dieser Jahreszeit.“ MDR Antenne Sachsen droht ein Peter-Alexander-Spezial an. Das ist selbst den Schlagerfreunden Makarios und Pichelstein zu viel des Unguten. „Aber das Lied mit der kleinen Kneipe, da steckt viel Wahrheit drin“, wird dennoch angeregt. Sicher: Die kleine Kneipe in unserer Straße / Dort wo das Leben noch lebenswert ist (…) – hach, die Wehmut dieser Zeilen gilt all jenen, die an die falsche Frau gerieten. Vergleiche: „Der Raucher von Bolwerkow“. Doch genug. Eine weitere Doktorarbeit steht an, im Conny-Wessmann-Haus soll Geschichte geschrieben werden. Niko Biberowitsch begrüßt Pratajevs Wanderer zusammen mit der heute kochpotenten Klosterfrau. Von den Clubverantwortlichen ist nur ein milchiger Mann mit Schlabberhose und Mütze aus der Kleiderspende zu sehen. Irgendwer muss auch eine Anlage zur Beschallung des Publikums lieblos in den Saal gelegt haben. Und diesen, ob der sabotierten Heizkörper, rasch ins Nirgendwo verlassen haben. „Ans Handy geht er nicht“, ruft Biberowitsch und beide Doktoren üben sich in Langmut. Dick eingemummelt werden Kabellagen und Mischpultregler gedrückt, gerückt und schließlich kommt die Fehlermeldung: „Es ist die DI-Box, mein Doktor. Völlig hinüber, schluckt alle Bässe“. Darauf ein Hansa-Pils aus der Flasche. Mit Handschuhen getrunken. „Wenn jetzt auf einmal fünfzig Gäste kämen und allesamt stetig ausatmeten, könnte man die Minustemperaturen sicherlich in erträgliche Grade wandeln“, denkt es im Doktor Pichelstein optimistisch. Aber nein, soll nicht sein. Bleibt eben folgende Wahrheit: Nicht die Quantität der Gäste ist heute entscheidend, sondern deren Qualitäten! Trost spendet derweil Niko Biberowitsch mit leckersten Voda-Geheim-Vorräten. Die Klosterfrau-Soljanka wird ebenso zum Quell der Freude.

Schon viele Rekorde wurden bei Konzerten der Russian Doctors gebrochen. So gab es bis dato etwa das „nasseste Konzert“ (Pirna 2010), das „Konzert, von dem Doktor Pichelstein nichts mehr wusste“ (Laubegast 2005), das „ergreifendste Konzert“ (Großhennersdorf 2004), das „heißeste Konzert“ (Dresden, 2005) oder das „Konzert mit den meisten Knoblauchschnäpsen“ (Chemnitz, wird Jahr um Jahr gesteigert). Heute sprechen wir vom „kältesten Konzert“ und erst nach einer Stunde schält sich Doktor Pichelstein aus dem bis eben getragenen Wollschaf plus Sakko. Einfach, weil die Schwitzflüssigkeit darunter mitunter fies erkaltet war und in kleinen Rinnsalen gen Hose plätscherte. Aber dennoch ist die Stimmung prächtig, muss sie auch, denn wer einfach so steht, wird spätestens am Montag fiebrig bis bettlägerig sein. Ein Grund mehr, so schnell, wie es eben geht, zu spielen. Doktor Pichelstein drückt auf die Tube, denn jede Erzählpassage des Sangesdoktors Makarios führt zu Eiszapfen am Gitarrenhals.

Foto: Biberowitsch

Die Zugaberufe sorgen für ein atmendes Nebelfeld vor der Bühne; ein kleines Wunschkonzert schließt sich an, doch dann nichts wie rein in die warme Küche. Einen murrenden Blick auf den milchigen Mann mit der Schlabberhose und der Mütze aus der Kleiderspende hat Doktor Pichelstein beim Abholen weiterer Hansa-Flaschenbiere noch übrig. Dann nichts wie hinein mit der Dortmunder Plörre und danke, Ihr tapferen Gäste dieses eisigen Abends. Möge die Nacht heiße, innige Versöhnung finden.

Foto: Biberowitsch

  • 18. März 2011, Leipzig/PaperOne-Salon

    Leipzig, aus Messeanlass heute mal wieder Bücherhauptstadt, macht es seinen Einwohnern und Gästen nach wie vor schwer. Das war schon immer so, sagen die, die es wissen. Das wird immer unglaublicher, sagen die, die es besser wissen. Fangen wir beim Irrsinn einer Olympiabewerbung an, nehmen die Umweltzone hinzu, umfahren allerorten jene Asphaltschlagloch-Minenfelder im Geiste Gaddafis, besehen den Braunkohleuntergrund mit seinem U-Bahnunsinn, rufen dann noch irgendeine debil besetzte Behörde an, in der sich ehemalige LPG-Kuhstallabsolventen zu Abteilungsleitern hochmelken konnten, schlagen die Zeitung auf und fragen uns, warum der Westen seine wirtschaftlichen Überflieger ständig über dem hiesigen Rathaus zum Absturz bringen muss. Nur zwei Beispiele der jüngsten Epoche: Import aus München: Wasserwerke-Heininger, aus Köln: LVB-Hanss. Näheres dazu (Veruntreuung, Steuerhinterziehung, Gesamtschaden in Millionen etc.) via Gerichtsprocedere. Dagegen hilft Lächeltherapie; wer mag, darf demonstrieren, zornige Leserbriefe schreiben oder einfach in ein Wohlfühl-Wohnzimmer der Enthusiasten eintauchen. Eines davon lädt ins Stadtteil Lindenau ein - in unmittelbarer Nachbarschaft zum Wege e.V. gelegen, befindet sich der Lesesalon des Poetenverlages PaperOne. Dass jener Verein sich um das Wohlergehen psychisch Erkrankter bemüht, soll an dieser Stelle eine ehrenhafte Randnotiz bleiben.

    PaperOne-Chef Olli herzt The Russian Doctors im Frontstage, engagiert für den musischen Part des Leseabends. Getränke gibt’s an der Bar, im Klo glimmt eine Kerze auf Holz, nur ist besagter Raum (Tampons zum Mitnehmen auf dem Fenstersims) von innen verriegelt. Sollen darüber Brandschutzsorgen aufsteigen? Nein, keineswegs. Hauke von Grimm ist ein Poet der Tat, entsprechendes Werkzeug wird angetragen, bald bricht schon die Tür. Derweil lesen Klaus Märkert, Myk Jung, Michael Oertel, HC Roth aus Worten, Fernsehern und Werken. Im Hausflur gemahnt die Verwaltung: Miete ist fällig! Kann auch bar bei Frau S. eingezahlt werden. Gefüllt ist’s Wohnzimmer mit Andacht und Menschen und letzten Endes sitzen auch Makarios und Pichelstein dem Auditorium vor. Gedichte aus Pratajevs Zyklus „Lila Nina“ paaren sich mit Setperlen des aktuellen Feldmänner-Programms, münden allenthalben im nach oben offenen Zustimmungsbarometer. Schön warm ist’s und heiß gar im Wünsch-Dir-Was-Obolus. Das Elend der Welt ist nicht tastbar und draußen, bei den Verlagspartys der Helene-Hegemann-Tollfinder, wird damenweise Lipgloss nachgetragen. Mehr Aufregung ist unverzeihlich.

  • Das XVI. Pratajev Sommerfest
    Der XIV. Pratajevkongress

    Sonderbrief der Pratajev-Gesellschaft e.V.

    Liebe Freunde und Verehrer Pratajevs,
    liebe Freunde der Russian Doctors und natürlich liebe Verehrerinnen, Freundinnen und Mitgliederinnen der Pratajev-Gesellschaft.

    Die Pratajev-Gesellschaft e.V. möchte in diesem Jahr wieder ein großes Fest zu Ehren des russischen Dichters Pratajev geben. Es gibt Anlässe zu feiern und Anlässe zu gedenken, denn im prallen Frühjahr dieses Jahres erscheint das erste große Lexikon, ein Wegweiser und Begleiter durch das Pratajev-Universum. Anlass ist der 50. Todestag des Meisters und da wir nichts von bleierner Gedächtnisandacht halten, soll ein Sommerfest oder Kongress ausgerichtet werden.

    Nun haben wir dererlei schon in Leipzig, Dresden, Großenhain und Dreiskau-Muckern gemacht und könnten wieder einen der genannten Orte auswählen, doch ein nicht geringer Teil der aktiven und sympathisierenden Freunde der Pratajev-Gesellschaft kommt aus Chemnitz und Umgebung. Daher würden wir gern am Rande der Stadt der Moderne eine Location finden, in welcher der Sommerfestkongress über die Bühne gehen kann.
    Einziges Problem: Wir kennen uns nicht aus und sind demzufolge auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen.
    Wer kennt einen Wirt, einen Hofbesitzer, einfach eine feine Lokalität, die genügend Platz für bis zu 150 Gäste bietet, ein Dach für schlechtes Wetter hat und bereit ist, die wilde Meute der Pratajevaren zu betreuen.
    Termin ist vorzugsweise der 10. September 2011, ein Samstag.

    Bitte meldet Euch bei Dr. Pichelstein: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
    oder bei Dr. Makarios: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

    und schlagt uns Vorschläge vor. Natürlich spähen wir auch in Dresden und Leipzig, denn wir wissen ja nicht, ob unser Chemnitz-Plan erfolgreich ist. Auch ein Ort zwischen den großen Städten ist denkbar, es müsste nur genügend Übernachtungskapazität geben, denn viele Freunde reisen aus weiter Ferne an.

    Danke
    und mit dem Gruß der Miloproschenskojer Wirtsleute

    „Wir waren so glücklich“

    die Vorsitzenden der Pratajev-Gesellschaft

  • 26. Februar 2011, Wittenberg/Irish Harp Pub

    Wie Baumfreund Ekmel späterhin treffend skizzierte, wurde in Velten selbstredend wild bis hemmungslos getanzt, besonders nach der Pause. Doch nun heißt es: Abschied nehmen, den gemütlichen Gasthof verlassen. Nach Frühstück und dankenswertem Bettverbleib bis hinein in die erste Mittagsgeisterstunde. Sachsen-Anhalt ist das Ziel, genauer: die Lutherstadt Wittenberg. Das „Rom der Evangelen“, wie Doktor Makarios treffend bemerkt. Der Plan ist es, die samstägliche Bundesligakonferenz einmal ohne die in Tourtagebüchern viel zu oft vertretene Ohrverkleisterin Sabine Töpperwien erleben zu dürfen. Heißt: Eine Sky-Sportsbar muss her. Telefonisch werden zwei davon vor Ort ausgemacht. Eine davon, als „Pogobar“ am Handy missverstanden, wird sich nach getaner Reise über Wege (und vor allem Umwege) gar selbst als Poker-Sportsbar im Vereinsheim des Landesklassenvertreters Einheit Wittenberg (aktuell: Abstiegskampf) wiederfinden.

    Nun kann man sich sicherlich denken, was einen da so erwartet. Beeindruckt von echten, gestandenen DDR-Männern, die vornehmlich einen Plastekamm in der Arschtasche und ein Beutelchen aus Lederersatz mit sich herumtragen, setzt sich Doktor Pichelstein an den Rundtisch. Der Becher Kaffee lässt nicht lange auf sich warten. Schön wäre zwar ein Bier gewesen, aber das geht noch nicht – der abendliche Irish Harp Pub wird erst in 90 Minuten, nach Spieleschluss, angesteuert werden können. Nürnberg führt auf Schalke, Kaiserslautern gegen Hamburg und die Besucher der Poker-Bar spielen laut schimpfend auf sich, bzw. andere, und somit gegen sich selbst. Sagt ein Kammträger zum nächsten: „Halt die Fresse, wir wollen Fußball gucken“, blickt dabei aufmunternd, um Zustimmung buhlend, beide Doktoren an. Vornehme Zurückhaltung ist angesagt. Die Frage: „Was sind das nur für Leute?“ kann man schließlich auch ins Tourbuch hineinschreiben oder laut denken, als Schalke und Hamburg jeweils ausgleichen oder als der erste Alt-Betrunkene arg verschwenderische Bierglasinhalte gen Holzboden verteilt. Nichts wie an die frische Luft, ans erste Kaltgetränk, immer wieder ein Höhepunkt, das Spielen im Irish Harp.

    Die Bühne steht in wenigen Minuten soundgerecht zum Haps aus der Speisekarte, Guinnessblumen blühen schaumwärts und Miss Wittenberg hat Geburtstag. Ein Umstand, der allen im Pub im Laufe des Abends noch viele Hingucker bescheren wird. Taucht die holde Hoheit der örtlichen Gefesselt-Fraktion beim Konzert schließlich als Schwesternschülerin auf und fühlt Doktorenpulse. Herrlich. Boris Brutalowitsch, Pratajev-Neumitglied Nummer 52 in seiner Funktion als „Werwolfjäger“, platziert den Konzertmitschneider, Doktor Pichelstein frohlockt ob einer feinen Holunderschnapsflasche, dankbar gespendet von Begleitung Silvi und die himmelblaue Spendendose für die notleidenden Wirte von Miloproschenskoje thront, mittlerweile bereits anständig gut gefüllt, über der Abteilung Merch. Die Tür öffnet sich im Sekundentakt; schnell platzt der Pub aus allen Nähten. Der Wittenberger Pfarrer schafft es, einen der raren Sitzplätze in Ausschanknähe zu ergattern und ein Geheimnis kommt ans Licht. Jenes, warum es beim letzten Doctors-Konzert hier nur halb so voll war. „Da war Fastenzeit, jetzt spielt ihr hier vor der Fastenzeit…“ Aha. Na da muss man erst mal drauf kommen.

    Foto: Boris Brutalowitsch

    Das Konzert startet via Intro; die Bässe darinnen kollidieren mit den Ausgangsboxen der Konservenmusik. Die PA dagegen ist eine Wucht, klingt auch so, und fanatisch peitschen sich beide Doktoren durchs erste Set bis in die Pause hinein. Doktor Pichelstein scheint vom Sieg der Dortmunder gegen Bayern München auf Red Bull zu sein, doch so was trinkt der ganz gewiss nicht. Boris Brutalowitsch sorgt für gerechten Nachschub, ein Guinness, ein ganz leckeres, ein kaltes fließt in den ausgemergelten Gitarrenweltmeister hinein. Und nach der Pause geht’s genau so weiter, fallen Zugaben auf die Bühne. „Gefesselt“. Natürlich, das Lied der Wittenbergerinnen, darf nie und nimmer fehlen. Aktiver Fetisch muss sein, schließlich befinden wir uns außerhalb der Fastenzeit.

    Foto: Boris Brutalowitsch

    Viel später beschleicht die Nacht ein Müdgefühl, längst sind Gitarren, Koffer und Kabel verstaut. In die Bierstuben geht’s. Nicht um dort zu trinken, wie vermutet werden dürfte, nein, dort wird geruht und gehofft, dass der nächste Mittag ein Erbarmen hat.

    Es sei am Schluss dann noch erwähnt: Die Heimreise klappte ohne Unterlass, wenn auch mit freudiger Verwunderung vorbei an einer Senioren-Pension namens „Zum Biber“. Über Frostschäden, weniger über Belag, ging es unbeschadet heimwärts. Sonntag, du Wohl der Woche. Auf zum Eishockey, bzw. zum Mexikaner.

  • Wo liegt Velten? Ganz einfach. Richtung Berlin fahren, dann brandenburgisch abbiegen und schon herzt sich die ehedem berühmte Ofenkeramikstadt ins ausflugshungrige Navigationssystem gen Tonstraße, nebst passender Museumslandschaft, ein. Zwanzig Tage vor den Russian Doctors fand das letzte Konzert in Velten statt; die unverwüstlichen Puhdys gastierten „Am Katersteig“. Nicht „Am Katzensteig“ wohlgemerkt. „Wer die Puhdys-Konzerte kennt, weiß um ihre Gewaltigkeit – hier gibt es immer Rock ungeschminkt“, verrät dann auch ein kleiner Flyer oder Freier. Jedenfalls von irgendwo her scheint diese Information zu kommen. Ist ja auch nicht so wichtig, der Bundeskanzlerin schon lange nicht. Und so regiert die „Diktatur der Deppen“, wie die Financial Times neuerlich treffend titelt, puppenlustig ohne Doktortitel weiter. Pratajevs Erben ficht das nicht an; denn echte Doktoren, echte Veterinäre stammen meistens aus Murmansk und dort erwirbt man seinen Titel erst nach der 314. Kuhgeburt in Steißlage.

    Mic’s Pizza, Mic’s Bar, das Veltener Gasthaus leuchten hell in den bitterkalten Abend hinein, als das Tourauto sein Ziel erreicht. In der Bar soll gespielt werden, Doktoren-Freund Steffen grüßt mit dem Freitagspils in der Hand, lange nicht gesehen, seit August letzten Jahres nicht, beim legendären Biker-Konzert in Oranienburg. Seinerzeit ebenfalls anwesend: Eine Anlage zur Beschallung des Publikums, denn die scheint im vorbereitenden Informationsfluss irgendwie untergegangen zu sein. Doch Velten wäre nicht Velten und Steffen wäre nicht Steffen, diesen Sender-Empfänger-Defekt alsbald reparieren zu wollen. Handys glühen, ratlose Zigaretten folgen frohgemuten, erst mal ein Stehaufbier, dann eine Sitzpizza, rüber in den Gasthauskeller. Aber nichts passt zunächst zusammen. Dann geht der Samariter Nummer 1 ans Telefon, ein DJ an seinem freien Abend. Doktor Makarios verhandelt den Anlagenpreis, DJ fährt vor. Und nochmal weg, mehr Equipment braucht die Not, denn selten werden akustische Gitarren in Kopfhörereingänge gehörig eingestöpselt. Der Preis steigt, der erste Becherovka schmeckt wohlverdient. Der verehrte Baumfreund Ekmel spendet eine Flaschenpost Holunderschnaps in Memoriam Bergsdorf 2010. Herrlichen Dank dafür! Vater Baumfreund wird freudig begrüßt, auch Bermasik Junior, Holzlöffelschnitzer der Pratajev-Gesellschaft, ist mit dabei. Ach und wer noch alles! Selbst Achselshirt-Fetischisten sind darunter. Sehenden Auges verbessert sich die spätere Livesituation der Doctors. DJ und Doktor Pichelstein schrauben, verklinken was das Zeug hält. Letztlich strömt der Gitarrensound aus einer Monitorbox, die mit passender Übertragungswelle ans Pult gekoppelt wird. Kurzer Soundcheck, Sennheiser-Mikros toppen die mitgebrachten SM 58er. Egal warum auch was geschieht: es klappt und mit welch großer Erleichterung die nächsten Kaltgetränke geschüttet werden, vermag sich jeder vorstellen. Und mit fast ebenbürtiger Erleichterung sammelt tatsächlich das Publikum (verneig, verneig) den Aufpreis für den Anlagenbau zusammen. Weihnachten fällt heute auf Ostern in Velten und alle haben jahrelange frei. Wenn nur nicht der Merchstand ein weiteres Mal umziehen müsste, doch selbst das koffert sich lächelnd wie von selbst.

    Foto: Baumfreund Ekmel

    Im Raucherzimmer von Mic’s Bar wird Geburtstag gefeiert. Ein Kontrastprogramm zum mittlerweile aufbrandenden Doctors-Konzert. Die juvenilen Damen tragen Hackschuhe und entsprechen – nicht nur in Mimik und Gestik - dem landläufigen Sprachgebrauch so genannter „Ischen“. Die Peergroup der Männer könnte einem aufklärerischen Werbespot der Gorch Fock entsprungen sein. „Wehe dem, der meine Ische anguckt“, steht es ihnen in den Gesichtern geschrieben. Doch wir wollen das alles gar nicht ab- oder bewerten, sondern lieber auf Pratajevs Gedichte „Junge Burschen tanzen“ und natürlich „Der Raucher von Bolwerkow“ verweisen.

    Foto: Baumfreund Ekmel

    Das Verhältnis Lied zu Schnaps dürfte mittlerweile bei 2 zu 1 stehen. Mitte des ersten Sets fordert Doktor Makarios vom Gitarrendoktor eine entsprechende Dopingprobe ein. „Mein Doktor, die Gitarre geht mit mir durch“, ruft Pichelstein flehentlich und bekommt Pfefferminzleckerli eingeflößt. Das Publikum geriert sich textsicher, auch hier fließen die Pinnchen, auch hier steigt der Geist Pratajevs aus allen verfügbaren Flaschen bis zum Pausentee. Doch selbst der ist ein Metaxa. Um nicht zu sterben, wie einst in Chemnitz oder nach dem 200. Konzert im Leipziger Flowerpower, wird Pichelstein nach der Pause auf Schnapsdiät gesetzt. Doch die Endorphine haben längst alle Überhand gewonnen, drum Prost und Danke und alle lieben Grüßen dieser Welt. Auch dem „Beim Bücken von hinten Zuseher“, Pratajev-Neumitglied Nummer 53 in seiner Funktion als „Kuhflüsterer“.

    Sehr spät lassen sich die Holztreppen im Veltener Gasthaus auf der anderen Seite des Kreisverkehres erklimmen. Sehr erschöpft sitzt man da und grinst.

  • 20. Februar 2011, Berlin/Duncker

    Nachtspeicherheizungen sind so eine Sache. Abends wirken sie recht verlockend, hach, wie schön warm! Und bereits wenige Augenblicke später klirrt der Frost, hockt das Winterwunderland unmittelbar in Nasennähe herum. Doktoren bibbern ergo halbschlafend durch die Nacht. Am nächsten Mittag jedoch, da lockt die Wärme - ein paar Häuserblöcke gen Tornadodurchzugsgebiet entfernt. Und dank Niko Biberowitsch werden beide Pensionsgemächer, ausgestattet mit neuster Flachbildfernseherei (O-Ton Doktor Makarios: „Ich hab alles versucht, alle Knöpfe auf beiden Fernbedienungen gedrückt. Nichts! “) gen Frühstück mit Meerrettichaufstrich gerne verlassen. Schön! Gedeckter Tisch! Lecker und ganz lieben Dank an dieser Stelle ans besagte Ehrenmitglied, natürlich nebst Gattin, der Pratajev-Gesellschaft.

    Söhnchen Kieran, dem Krabbelalter insofern entsprungen, dass bereits beim Pichelstein-Gitarrenbesaiten hilfreich zur Seite gestanden werden kann, bekommt zum Aufbruch noch das Lied von der Katz‘ gesungen. (…) „Sang doch der Kieran vorhin etwas über eine Katze die weg ist, also hat euer Mittagsständchen ihm gefallen,“ schreibt Biberowtisch dann auch wenige Tage nach dem kleinen Küchenkonzert der Erben Pratajevs. Die müssen aber nun weiter wandern; an gebrochenen Baumkronen, abgedeckten Tornado-Häusern und eingestürzten Fabriktürmen vorbei fährt’s Tourauto wie von selbst Richtung Berlin. Doktor Pichelstein schaltet den Autopiloten ein; der plakatierte Wegesrand zeugt von einer ganz neuen, wirklich tollen CD unseres Howard Carpendale. Gut sieht er aus, doch ein Kaiser, ein Roland wird er nie sein und werden. Dafür fehlt ihm einfach die Joana in der Stimme (geboren um Liebe zu geben / verbotene Träume erleben / ohne Fragen an den Morgen).

    Ganz in diesem Sinne liegen Doktoren späterhin gemütlich und nacheinander, mit jeweils frischem Öl- und Schaumwasser, in einer Berliner Badewanne. Die Lichterkette glimmt, der Kaffee dampft, die Pizza schmort im Ofen, Bettruhe wurde verordnet. Weitaus besser, als die noch verbleibenden Stunden bis zum verabredeten Duncker-Soundcheck in einer Friedrichshainer Grünen-T-Stube mit Kinderwagendiktat zu verbringen (früher sagte man „Eckkneipe“). Manjoschka Gnatz, u.a. im Zuständigkeitsbereich „Lektorat“ der Pratajev-Bibliothek im Verlag Andreas Reiffer zu suchen, machte all dies möglich. Den Doktoren gefällt’s und so kann mit Fug und Recht abermals ein Erstling pratajevscher Doktorarbeit verkündet werden, nämlich: „Das erste Konzert der Russian Doctors, vor dem gebadet wurde.“

    Hendrik, Jürgen, Steffi, der harte Duncker-Wirt – alle Lieben sind schon da und emsig geht’s auf Parkplatzsuche. Denn seit dem die Konjunkturpakete selbst in der Hauptstadt ausgepackt wurden, müssen Absperrgitter, Warnbaken und natürlich Parkverbotsschilder wirklich knapp geworden sein. Die Suche endet dennoch, zwar im Strafzettelgebiet, jedoch nicht in Abschleppszenarien. Gut so. Rasch ein Berliner Pilsener und noch eines, Bühne verkabeln, Soundcheck, rauchen, stehen, sitzen, Mensch, hallo! Lange nicht gesehen – Die Herren um Eademakow und weitere Pratajev-Freunde treffen ein. Hochverehrt, Euch alle hier zu sehen. Und ja, der Duncker ist so schön warm, kein Heizungslapsus Marke CWH wie gestern, herrlich.

    Foto: EAdemakow

    Die heutige Schönegeisterschau beginnt mit eröffnenden Worten des Neu-Pratajev-Forschers H. Peetersowitsch (vielleicht wird dieser Name noch überarbeitet bis zum nächsten Almanach „Haus aus Stein“), das Rund sitzt geschlossen und bestens mit sich gefüllt zwischen Bühne, Wänden und Schnapsbar. Die Raucherlonge ist verwaist und nach zwei Doktoren-Liedern gibt’s Doktor Pichelstein mal gitarrenbefreit, lesend, das irrlichternde Phänomen „verschwINDIEN“ betreffend. Dann wieder Doctors Live, des Forschers Eingebungen – abendlicher Höhepunkt für Makarios und Pichelstein, ohne Frage! – Pause, Doctors, Makarios liest „Pratajev – Meine Mutter“ und schlussendlich das abschließende Konzert, bestehend aus jenen Werken Pratajevs, die die meisten der Duncker-Gäste zum vielstimmigen Kanon animieren.

    Foto: EAdemakow

    Vor der Zugabe verschläft Doktor Pichelstein den anvisierten Showeinspieler, erst ein versprochener Eck-Jägermeister lockt ihn zu sich, dann geht’s weiter und weiter und letztlich doch nicht mehr. Punktlandung, Wende hin zum Abbau und endlich auch der Jägermeister. Nichts vom duftenden Badeschaum bleibt. Dafür sehr später noch die Reise mit dem Bus ins Futteral der Gemütlichkeit.

  • 19. Februar 2011, Großenhain/Conny-Wessmann-Haus

    Beide schwarz-rosa Hausschweine fordern imposante Andacht; Doktor Makarios ist gleich mit zwei prallen Maiskolben zur Stelle. Die Hofetikette verlangt’s beim geschichtsträchtigen Rundgang durch Stallungen und gerne wäre man mit den Katzen im heißen Ziegenheu verschwunden. Bitterlich fegt eisiger Wind übers Rittergut. Weiter müssen die Doktoren gleich, satt gefrühstückt und teilgeduscht. Aufgetragen wurde zudem ein Tourdeo namens Russian febreze, duftet nach Birkenwald und Kräutersud. Mit kleinen Trommelschritten überm Schnee fährt’s Tourauto von dannen, 11% bergab. Vorbei am Schloss in Crossen, einer Stadt, die einem wie ein Sprung durchs Zeitfenster gen Mittelalter vorkommt. Sogar die umherlaufenden Bewohner erwecken den Eindruck, frisch der Filmmaske eines Ketzerfilms entsprungen zu sein. Jugendliche gibt es auch, halb vermummt vorm Schlecker zu erspähen. Abgangszeugnis dritte Klasse - aber sieben Handyverträge, das möchte irgendwie gemutmaßt werden. Über gleich drei, weiterhin so genannte „neue Bundesländer“, geht’s Richtung heimatlichem Zwischenstopp.

    Der Feuerwachturm hinter Katzenberg, dort, wo Großenhains erste Begrüßungsblitzer die Bundesstraße säumen, ist hell erleuchtet. „Erstaunlich“, entfährt es Doktor Makarios. „Und das bei dieser Jahreszeit.“ MDR Antenne Sachsen droht ein Peter-Alexander-Spezial an. Das ist selbst den Schlagerfreunden Makarios und Pichelstein zu viel des Unguten. „Aber das Lied mit der kleinen Kneipe, da steckt viel Wahrheit drin“, wird dennoch angeregt. Sicher: Die kleine Kneipe in unserer Straße / Dort wo das Leben noch lebenswert ist (…) – hach, die Wehmut dieser Zeilen gilt all jenen, die an die falsche Frau gerieten. Vergleiche: „Der Raucher von Bolwerkow“. Doch genug. Eine weitere Doktorarbeit steht an, im Conny-Wessmann-Haus soll Geschichte geschrieben werden. Niko Biberowitsch begrüßt Pratajevs Wanderer zusammen mit der heute kochpotenten Klosterfrau. Von den Clubverantwortlichen ist nur ein milchiger Mann mit Schlabberhose und Mütze aus der Kleiderspende zu sehen. Irgendwer muss auch eine Anlage zur Beschallung des Publikums lieblos in den Saal gelegt haben. Und diesen, ob der sabotierten Heizkörper, rasch ins Nirgendwo verlassen haben. „Ans Handy geht er nicht“, ruft Biberowitsch und beide Doktoren üben sich in Langmut. Dick eingemummelt werden Kabellagen und Mischpultregler gedrückt, gerückt und schließlich kommt die Fehlermeldung: „Es ist die DI-Box, mein Doktor. Völlig hinüber, schluckt alle Bässe“. Darauf ein Hansa-Pils aus der Flasche. Mit Handschuhen getrunken. „Wenn jetzt auf einmal fünfzig Gäste kämen und allesamt stetig ausatmeten, könnte man die Minustemperaturen sicherlich in erträgliche Grade wandeln“, denkt es im Doktor Pichelstein optimistisch. Aber nein, soll nicht sein. Bleibt eben folgende Wahrheit: Nicht die Quantität der Gäste ist heute entscheidend, sondern deren Qualitäten! Trost spendet derweil Niko Biberowitsch mit leckersten Voda-Geheim-Vorräten. Die Klosterfrau-Soljanka wird ebenso zum Quell der Freude.

    Schon viele Rekorde wurden bei Konzerten der Russian Doctors gebrochen. So gab es bis dato etwa das „nasseste Konzert“ (Pirna 2010), das „Konzert, von dem Doktor Pichelstein nichts mehr wusste“ (Laubegast 2005), das „ergreifendste Konzert“ (Großhennersdorf 2004), das „heißeste Konzert“ (Dresden, 2005) oder das „Konzert mit den meisten Knoblauchschnäpsen“ (Chemnitz, wird Jahr um Jahr gesteigert). Heute sprechen wir vom „kältesten Konzert“ und erst nach einer Stunde schält sich Doktor Pichelstein aus dem bis eben getragenen Wollschaf plus Sakko. Einfach, weil die Schwitzflüssigkeit darunter mitunter fies erkaltet war und in kleinen Rinnsalen gen Hose plätscherte. Aber dennoch ist die Stimmung prächtig, muss sie auch, denn wer einfach so steht, wird spätestens am Montag fiebrig bis bettlägerig sein. Ein Grund mehr, so schnell, wie es eben geht, zu spielen. Doktor Pichelstein drückt auf die Tube, denn jede Erzählpassage des Sangesdoktors Makarios führt zu Eiszapfen am Gitarrenhals.

    Foto: Biberowitsch

    Die Zugaberufe sorgen für ein atmendes Nebelfeld vor der Bühne; ein kleines Wunschkonzert schließt sich an, doch dann nichts wie rein in die warme Küche. Einen murrenden Blick auf den milchigen Mann mit der Schlabberhose und der Mütze aus der Kleiderspende hat Doktor Pichelstein beim Abholen weiterer Hansa-Flaschenbiere noch übrig. Dann nichts wie hinein mit der Dortmunder Plörre und danke, Ihr tapferen Gäste dieses eisigen Abends. Möge die Nacht heiße, innige Versöhnung finden.

    Foto: Biberowitsch

  • Ferien auf dem Lande (220)

    von pichelstein @ 2011-02-22 18:59:58

    18. Februar 2011, Nickelsdorf bei Crossen an der Elster/Rittergut

    „Das Jugendgästehaus Nickelsdorf ist ein ehemaliges Rittergut. Es liegt in Thüringen, dem Grünen Herzen Deutschlands. Wälder, Wiesen, Bäche und Flüsse, Dörfer und Städte bieten in der Region vielerlei Möglichkeiten zur Erholung und aktiven Freizeitgestaltung. In der näheren Umgebung gibt es die vielfältigsten Ausflugsziele für Jung und Alt (…)“. Quelle: www.jugendgaestehaus-nickelsdorf.de.

    Tja, lieber Herr Doktor K.T. Freiherr zu Guttenberg, hier können Sie mal lernen, wie Recherche-Quellen in einer Doktorarbeit sichtbar gemacht werden und zwar ohne Anstoß dabei zu erregen. Im engeren Sinne beschreibt unser Tourbuch schließlich auch Doktorarbeiten, von einigen wenigen gar als „Doktorspiele“ bezeichnet. Im weitesten Sinne dürfen wir gar behaupten: „Pratajevs Texte hat Pratajev selbst geschrieben.“ Dreiste Plagiatoren und wirre Ghostwriter sind wir nicht; diese Schuhe soll sich wer anderes über löchrige Socken streifen. Wie dem auch sei: Aufrichtigkeit ist eine Tugend, Ehrlichkeit ihr Unterpfand und das Erreichen des ehemaligen Rittergutes Nickelsdorf ein Wunder. Kopfsteinpflaster, Serpentinen bei 11%igem Berganstieg. Leider ist es schon dunkel, als das Tourauto keuchend den Ländlichen Kerne e.V. erreicht. Da muss der heilende Rundblick eben weit in den nächsten Tag geschoben werden.

    Denkmalschutz treibt zuweilen seltsame Blüten und verhinderte bei der Sanierung des Gutes den Einbau wärmender Gusskörper. Die Tenne, Auftrittsort der Russian Doctors, glüht dennoch herrlich warm vor sich hin. Heiße Luft wird hineingeblasen, trifft sich in hölzerner Mitte, wo eine tote Katze am Birkenbaum hängt. Zwar wurde sie modellgetreu aus Bast nachempfunden, dennoch fühlen sich Makarios und Pichelstein gleich sehr russisch, damit Pratajev sehr nahe, beinahe heimisch. Die Herzensdamen der Veranstaltung wollen wir hiermit, ob ihrer großen Gastlichkeit, auch gleich zu Anfang loben. Ein Galan von Licht- und Tonmischer sei ebenso erwähnt. Selten wurden Pratajevs Weisen besser in Bühnenszenen gesetzt. Ja und so in Nebelfeld, unter eisblauen UV-Strahlern beim Intro, das gibt’s auch nicht allzu häufig. Wie in Trance startet ergo der erste Konzertblock: Schick, fein gesättigt, grüne Kräuterschnäpse intus und mit der Welt zufrieden. Die Gäste jubeln, klatschen und holen Bänke aus den Tenneschlunden hervor. „Herzlich Willkommen zum Konzert der Russian Doctors im Rittergut Nickelsdorf“. (Quelle: Getränke- und Speisekarte vor Ort, 18.02.2011)

    Foto: Rittergut Nickelsdorf

    Das „Loblied der Miloproschenskojer Wirtsleute“ erschallt fälschungssicher und echt in der Causa Brantweijns. Pratajevs Bühnengeschichte treibt bereits Frühlingsblüten. Nach der Pause, den Zugaben, zwischen Peperoniwodka-Cola (O-Ton-Doktor Makarios: „Ich hatte eigentlich Whiskygeschmack erwartet, dann brannte der ganze Mund“) und neuerlichem Grünschnaps (Doktor Pichelstein), malt der Nachtnebel das Nickelsdorfer Rund draußen silbern. Es herrscht eine Stille, die nur das Wiehern eines Regenwurmes durchbrechen könnte. Doch die Würmer stecken alle tief im Kompost und ob sie wiehern können, weiß nur der Wind. Dann leeren sich die Gläser wie die Tenne auch. Gleich um die Ecke, im Jugendgästehaus, warten kuschelige Decken und dann ist der Tag mit seiner heutigen Doktorarbeit endgültig aus.

    Foto: Rittergut Nickelsdorf

  • Kichererbsen bis Chemnitz (219)

    von pichelstein @ 2011-02-03 18:48:51

    30.Januar 2011, Chemnitz/Arthur

    Europark, Zimmer 16, große Pension am Stadtpark im Herzen des zentrumsnahen Stadtteils Altchemnitz. Öffentliche Verkehrsmittel (Straßenbahnen ohne Fahrgast-TV. Unvorstellbar! Wo soll man denn hingucken?), Einkaufszentrum (war’s ein Penny oder Diska?), Sportzentrum (für Integrationsstreber, ohne Worte) und Gaststätten (altbacken) vor der Tür. Anreise rund um die Uhr möglich (Radeberger, warm, bitte sehr). Die Zimmer sind freundlich (ausstaffiert mit Fernseher, Decken, an denen man sich nicht aufhängen kann, weil kein Seil der Welt derart lang ist, Bett, Tisch und 2 Stühle) eingerichtet und werden gern von Geschäftsreisenden (Autotransfer gen Ost?), Firmen (Blumenhandel „Wollen Rose“) und auch Privatleuten (Mittagspause mit der Klofrau aus Minsk) genutzt. Die Sanitärräumlichkeiten befinden sich in Zimmernähe (kommt irgendwie auf die Lage des Zimmers an)… Ja, aber bis dorthin, irgendwann ab nächtlicher Kreuzung zweier unmittelbarer Tage, ist es noch sehr lange hin. Europark, welch edler Name – wer da lediglich an Paris in Frankreich denkt, sollte wissen, dass in Altchemnitz alles eher an Minsk in Weißrussland gemahnt. Minsk liegt eben auch in Europa.

    Lange Stunden zuvor, am Zernsdorfer Mittag des Tages, füttert Doktor Pichelstein die possierlichen Käfigratten im Haus am See („Doktor Pichelstein füttert die Ratten im Haus am See“ würde eher seltsam klingen). Es plagt ihn dabei ein kleines, schlechtes Gewissen. Materialermüdung führte nämlich eben erst zum Zusammensturz des Duschvorhanges. Könnte man meinen. Andererseits ging der Gitarrendoktor gewiss nicht filigran ans Werk. Ein leckeres Mittagsmahl folgt dem Frühstück und Kalfs Kichererbsen darin werden beiden Doktoren noch lange in olfaktorischer Erinnerung bleiben. Erst bei Ankunft im Chemnitzer Jugendclub „Arthur e.V.“ lassen die kleinen Bösewichte von Makarios und Pichelstein ab - die sich späterhin erleichtert, schadlos mühen, alles Kofferverpackte galant aus dem Autostauraum zu hiefen.

    Über ein größeres Permafrost-Eishockeyfeld geht’s damit hinein in den Club. Schön warm hier, feine Menschen, und Holm, der Solche, kommt nicht. Brach sich gehend den Fuß und liegt daheim. Fein wär‘ die Nacht bei ihm gewesen, doch nein, es sollte nicht sein. Moderieren wird den Abend nun ein Unifreund. Eigentlich sollte es auch Radio geben, eine Liveschalte, doch es sind eben oder bestimmt Studenten, die hinter so etwas stecken. Man will es ihnen nachsehen, beim nächsten Mal klappt’s bestimmt mit allem, was die Welt so bietet. Ähnliches vermag dito der Arthur-Verantwortliche denken, nur was lässt ihn zweifeln, dass es heute Abend voll wird? „Na ja, sonntags kommen nicht so viele. Deshalb auch nur 3 € Eintritt…“ Von wegen. Nicht mit den Doctors, nicht hier, in Chemnitz.

    Foto: SEB

    Als hätte es einen ominösen Pratajev-Gruftruf gegeben: Binnen weniger Viertelstunden platzt der Club aus allen Nähten. Man kommt nicht vor, nicht zurück. Und das ist Grund, warum Doktoren so gerne am Rande des Erzgebirges, in Chemnitz, spielen. Dem Abend, der Nacht wird Balsam gereicht. Die Fliehenden-Sturmfreunde sind da, Vertreterinnen der Pratajev-Sektion Frankenberg, das halbe Subway-to-Peter feat. Godfather-DJ Herr B. aus C. wird gemutmaßt uvm. Ach, herrlich. Schnell noch Flüssigkeit in den Orkus kippen, dann geht’s mit dem Intro auf die Bühne. Es folgt rasch das „Loblied der Miloproschenskojer Wirtsleute“ – etwas durcheinander geraten, aber beide Doktoren nehmen sich vor, den mitleidigen Text des Pratajev-Wirtes Brantweijn in Zukunft bei allen nachfolgenden Konzerten weiterhin live zu proben. Dann gibt’s das Interview; viele Fragen werden zu Gehör beantwortet und lassen noch viel mehr Fragen im Raum stehen. Macht nichts. Weiter im Set, in der Pratajev-Geschichte. Irritiert blickt lediglich das (vorwiegend weibliche) Arthur-Stammpublikum. Eine Pause soll’s nicht geben, weil morgen Montag ist. Der Tag der Einkehr in die neue Woche, als schlimme Kichererbse unter den Wochentagen ist er verschrien. Und das mir Fug und Recht. Ja, so geht’s lang und heiter weiter; ein bühnendargereichtes Terpentingetränk reinigt den Magen endgültig. Bis die letzte Zugabe verklungen is

17. Mai 2019, Chemnitz / Tierarztpraxis Kanzok PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Sonntag, den 19. Mai 2019 um 12:18 Uhr

Leckerlis im Brühl-Viertel (407)

 

Wenn ihr Lieblingsveterinär zur Live-Operation bittet, reisen die Doctors mit Liebe im Herzen und Wodka in der Flasche an. Ab sofort dabei: Mundspray-Bulbash für die schnelle Heilung zwischendurch. Anlass des heutigen Konzertes ist die Eröffnung eines neuerlichen Highlights im Chemnitzer Brühl-Viertel, die Eröffnung einer Tierarztpraxis, denn die fehlte hier noch. So darf jetzt mit Fug und Recht behauptet werden: Projekt „Auferstanden aus Ruinen“ abgeschlossen.


Nachgesagt wird zwar, dass Haustiere den Gang zum Arzt nicht so dolle finden, doch Hand aufs Herz, auch der Mensch, sofern er über ausreichend soziale Kontakte verfügt, scheut einen solchen Aufwand unter spontanem Knurren. Dennoch möge die hübsch und funktional eingerichtete Behandlungsstätte für alle Brühlaner, für Hund, Katze oder Krokodil, ein Segen sein. Leckerlis für alle sind garantiert und im Wartezimmer bietet eine reichhaltige Bibliothek Lesestoff für Narkosezeiten feil. Wenn aus der fauchenden, rolligen Kratzkatze ein zutrauliches Wesen gebastelt wird, kann ein Fachbuchstudium, das verrät, wie aus einem plötzlich ganz viele Tierchen werden, sehr beruhigend sein.



Rasch ist die Bühnenecke aufgebaut, der Soundcheck ist wie immer die Probe, und darin geht’s heiß und bedächtig her. 93 veröffentlichte Titel umfasst das Doctors-Repertoire laut Liederbuchverzeichnis mittlerweile. Im nächsten Jahr möchte man bei 107 ankommen. Heißt: eine neue Platte ist im Köcher, mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur so viel: Wer sich heute zur Praxis-Eröffnung trollt, erlebt Weltpremieren, Titel wie „Die Zarte“, „Der Gärtner“, „Der Katzenstreichler“ oder „Die Assistentin (Schweigende Schwester)“ … schöne, böse Pratajev-Lieder. Vorab schafft es „Der Satte“ noch auf eine Sampler-LP und jetzt gibt’s erst mal Futter nebst Flüssignahrung im Innenhof, während Jung und Alt durch die Praxisräume stromern.

 


Schlag 20 Uhr stehen die Docs Gitarre bei Fuß, zum Auftakt gibt’s, wie sollte es anders sein? Tierlieder! Lieder aus dem Leben eines Veterinärs, inklusive „Der Tierarzt“, den hatte man lange nicht mehr auf Liste. Und vorausschauend auf die Zugaben geblickt, in denen u.a. ein gelber Frosch als fett und ungelenk, somit als reichlich menschlich beschrieben wird, darf der befeierte Abend als Spektakel betrachtet werden, als gelungen und mit reichlich Wodka garniert. Das eingangs kolportierte Mundspray kam nicht zum Einsatz, nein, Fürst Fedja schenkte Becher aus. Und im Freiluftbereich, so ist es und so wird es immer bleiben, gab‘s sogar Kännchen. Summa summarum wünschen wir der neuen Praxis im Chemnitzer Brühl-Viertel spannende Momente und Glück. Mögen freudige Schwänze wedeln und jeder Racker den Ausflug dorthin stets in guter Erinnerung behalten. Ob Tier, ob Mensch: beste Freunde verdienen beste Versorgung und Leckerlis in jedem Fall obendrauf.

 

 
30. März 2019, Leipzig / Honky Tonk, Beierhaus PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Donnerstag, den 02. Mai 2019 um 17:33 Uhr

Fake von Folk bis Jazz-Roh-Tull (406)

 

Im Saal des Beierhauses läuft Fußball. Hertha BSC verteidigt mit Mann und Maus ein 0:3 gegen RB Leipzig. Es missling gründlich. Leipzig schießt erst das vierte, dann das fünfte Tor und schon kann der Honky Tonk losgehen. Bestenfalls steigt man im Beierhaus dafür hinunter in den Gewölbekeller, um einer im Saal drohenden Fake-Folk-Party zu entkommen. Neben Fake-Blues und Fake-Metal eine weitere Stilblüte, um Musik in Schubladen packen zu können. Viel zu oft wird kolportiert, dass es Musik gibt, die in keine Schublade hineinpasst. Das ist totaler Unsinn. Jede Musik hat ihre Schublade. Wie eine alte, vergessene Socke möchte man nicht hinter besagte Schublade fallen und nosferatulike grausam verstauben. Auf den Folk bezogen: was wäre kein Fake-Folk? Eine Handvoll allererster irischer Musiker, die vor mehr als 1.000 Jahren einem schief gerollten Fass Whiskey zum Opfer fielen. Als sie starben, war hinterher alles Fälschung und Abklatsch. Doch! Wenige Dekaden nach der Geburtsstunde des Fake-Folks schlug jemand mit einem Holzlöffel auf eine Milchkanne, stolperte stumpf über eine Zaunlatte und rief auf den nassen Boden klopfend: „Oh Yeah!“ Immer wieder. Das war die Geburtsstunde des Jazz. Als der Mann starb, war alles nur noch Fake-Jazz. Auch Jazz-Roh-Tull änderte später nichts mehr dran. Oftmals mischen sich die Stilrichtungen, dann krabbelt die Blues-Pumper aus der Schublade zu den Grunge-Schals und so weiter. Musikstile kreieren kann interessant sein. Vergleichen wir Musik mit Kräutertee. Kräutertee schmeckt komisch genug und erinnert sehr ans Kranksein. Dann gibt jemand ein Obststück hinzu und wenig später wird einem ohne Not ein kompostierter Rotbusch-Haufen in heißem Wasser aufgetischt.

 

 

Solche Gedanken beflügeln einen, wenn man lange auf Konzertfreuden warten muss. MTL Steam rocken ab 21 Uhr (Cover alter Schule, sehr gut, harte Basslinie, mächtige Sologitarre, Hütte brennt, alle Kerzen an, wow). Das Bier schmeckt warm wie Bienenhonig auf einer Frühlingswiese, Katja von der Bandcommunity hat den Abend im Klemmbrett, ergo im Griff. Fürst Fedja möchte nie mehr als Fischentschupper arbeiten, Doctor Makarios und Robert vom Major Label schmieden überbordende Pläne. Glücklich strahlen alle übers ganze Gesicht. Eben erst kam die zweite LP der Docs aus dem Presswerk. Ein Produkt aus recyceltem Vinyl. Jede Menge Fake-Musik musste geteert und gefedert werden, bis aus Vinylmatsche die himmlische Langspielplatte „Tote Katzen im Wind“ (Seite A) feat. „Gefesselt“ (Seite B) geschnitten wurde. Darauf Bulbash aus viel zu großen Wal-Mord-Plastikbechern. So vergeht die Zeit und potzblitz wird die Bühne frei für den Line-Check der Docs.

 

 

 

23:00 Uhr. Das Publikum drängt sich, zwängt sich durch den Gewölbekeller. Mit dem „Rotarmisten“ beginnt sie, die heutige Pratajev-Revue. Schon stehen „Panzer im Land“ als Strophenadaption von „Löcher im Strumpf“. Fürst Fedjas Tank Company lässt grüßen. Da noch eine dritte Band heute mit den Hufen scharrt, rasen die Docs durchs Hitparadies als gäbe es kein Morgen. Pichelstein gelingt es kaum den zur Bühne gelieferten Wodka in entspannten Zügen die Kehle hinunterrinnen zu lassen. Eine Stunde und 15 Minuten später ist schon wieder alles vorbei. Keine Zugaben sind heute drin, der Zeitplan ist straff. Dafür gibt’s ein flottes Set für die Fitness-Coaches im Publikum. Ach so? Ja! Nachdem die Docs bereits in einigen Grundschulen und Kitas mit „Gefesselt“ oder „Biber“ Mitsing-Hits auf Pausenhöfen und in Sandkästen landen konnten, sind jetzt die Fitness-Studios dran. Doctor Pichelstein ließ es sich auf der After-Show-Party im Beierhaus erklären. „Wir nehmen zum Beispiel . Die Damen rufen: . Stepp und rechts und links und weiter: “ Toll! Vier Buchstaben, zum Ruf geformt, die den Honky Tonk-Abend treffend beschreiben: Toll! Mit Dank an die Bandcommunity. Und Lob und Dank hagelt es dito auf den eigenen Pelz. Nehmen wir gerne an. Denn, wie sagte es Sigmund Freud so schön? „Gegen Angriffe kann man sich wehren. Gegen Lob ist man machtlos.“ Eure Fake-Blues-Pop-Folk-Post-Doom-Schlager-Post-Punk-Docs. Steigerung jederzeit möglich.

 

 
23. März 2019, Halle / Kaffeeschuppen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Dienstag, den 26. März 2019 um 19:36 Uhr

Hall, Halle, Halleluja (405)

 

Auffallend ist an diesem Spätnachmittag eindeutig die Höflichkeit der Navi-Dame. Das haben die Doctoren auch schon ganz anders erlebt. Nur wird das R heute gerollt, als bestünde der Weg in die Derby-Stadt Halle aus einem Rock and Roll-Paternoster. „Rrriebeckstraße, Rrrrackwitzerstraße …“ so geht das in einem fort bis das Ziel, der Kaffeeschuppen an der Kleinen Ulrrrichstraße 11, erreicht ist. Ob die Navi-Dame mit der Zunge im Stacheldraht hängengeblieben ist? Nein, dann würde sie lispeln. Es soll ja auch lispelnde Wegweiserinnen geben, wie ein SUV-Forum verrät. Das Forum der Präriefahrer, die sich mit pupsenden Kuhpanzern in die Städte verirren. Sicherlich gibt es auch Wegweiserinnen, die nur Gebärdensprache können, ergo: sehr schweigsame Zeitgenossinnen sind.

 

Eine Pause von Zuhause. Während in Leipzig Buchmesse ist und gut 300.000 Menschen dem „Sog der Worte“ folgen, gastiert der Pratajev-Tross also in Halle. Dafür sind Nachbarstädte prädestiniert. Man fährt hin, wenn es zuhause ungemütlich wird. Mal eben schnell in die Leipziger Innenstadt, um einen Milchkaffee zu schlürfen? Keine Chance. Die Buchmesse ist ein viertägiger Weihnachtsmarkt mit dichtem Gedränge von der Neuen Messe bis zum Lindenauer Hafen. Man steht sich, man liest sich quasi in den Schuhen und trägt dabei ein Kleid aus Buch. Kulturell wertvoll, zweifelsohne. Toll, Bücher, super, auch Lesungen, all das. Oft genug traten die Doctors im Buchmesse-Rahmen auf, spielten Konzerte vor der Wurstabteilung im Marktkauf, im Artpa, im Kunstgeist, in der Naturbäckerei, mit Konstantin Wecker in der HGB. Nicht zu vergessen, tata, wo fand das allererste Konzert vor 16 Jahren statt? Genau. In der naTo. Zur Buchmesse. Doch heute ist man irgendwie froh, dem ganzen Bohei entfliehen zu können. Drum nichts wie raus an die Hallenser Schnapsbar. Schnapsbar geht schließlich immer. Wer noch nie in Halle war, der besuche bitte den Kaffeeschuppen und verkoste irische Kaltgetränke, Starkbier, Schnitzelteller … dazu die Leckereien der Tank Company, denn das Wodkartell des Fürst Fedja ist um eine Herrlichkeit reicher. Ab sofort wird gepanzert und Doctor Pichelstein erscheint als Role Model auf dem Catwalk zur Bühne.

 

 

Der Kaffeeschuppen ist voll. Kann losgehen, der Techniker hebt den Topdaumen, moderiert die Pratajev-Show an und kümmert sich in der Folge hochkonzentriert um das Leben und Gedeihen der Mischpultknöpfe. Hall, Halle, Halleluja! Da kann jetzt nur der „Rotarmist“ antworten. Das Ambiente verlockte zuvor derart zum Herumhängen, dass die Doctors glatt vergaßen laut über eine ungefähre Liedfolge nachzudenken. Bald wird den Impfgegnern, aka: Seuchenfreunden, ein Denkmal gesetzt, Bald rührt der „Löffel aus Holz“ durch den Schuppen und Wodka, der alte Schlüpferstürmer, wird in gläsernen Kübelchen zur Bühne gereicht. Die selige, trunkene Stimmung ist nicht mehr aufzuhalten. Neue Gäste akklimatisieren sich sofort. Makarios läutet schließlich mit einer ersten „Schnapsbar“ galant die Pause ein.

 

 

Gleich im Anschluss legt Pichelstein nach dem „Lied vom guten Leben“ mit der „Harten Wirtin“ los. Tja, das ist der Yo-Yo-Effekt. Eine Gesetzmäßigkeit, der zufolge sich ein abwärtsgerichteter Trend (beim „Guten Leben“ handelt es sich zweifelsohne um eine Ballade) an seinem Tiefpunkt gleichsam automatisch ins Gegenteil verkehrt. Vergleiche: Diät oder? Blues! Blues ist nichts anders als eingeschlafener Heavy Metal. Kein Yo-Yo-Effekt, immer nur: Bluuuuues. Und Bierglaaaas! Und: "Ritaaaa, ich geh mal eine rauuuuchen, gib mir mal die Kuuute." Kurzum: schon wieder wird ein Weltrekord geknackt. Das Enfant terrible auf der akustischen Schnellgitarre ist für den Rest des Konzertes nicht mehr zu bremsen. Dazu führt Makarios wie ein Bolschoi-Zeremonienmeister durch Pratajevs Themenparcours und die ewigen Fragen in den Zugaben: „Was soll’s sein? Was sollen wir noch spielen?“ werden mit Contenance und einem Gitarren- und Stimmgewitter rechtschaffen beantwortet. Wenn der heutige Abend ein Buch wäre, würde eine verdammt spannende Story mit extravagantem Plot dabei herauskommen. Doch der heutige Abend ist ein Konzert, ein ziemlich verrücktes obendrein. Wohl bekommt’s und Danke, Halle.

 

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 26. März 2019 um 19:57 Uhr
 
23. Februar 2019, Wittenberg / Irish Harp Pub PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Mittwoch, den 27. Februar 2019 um 20:36 Uhr

Fürst Fedja schnupft (404)

 

Mit einer Körperspannung, die an zerkochten Spargel gemahnt, hockt Fürst Fedja am Frühstückstisch. Kein Elend der Welt kann größer sein, als ein ausgewachsener Männerschnupfen, verursacht von einem hinterlistigen Killervirus. Da geht heute wenig bis nichts mehr. Die Anlage wird ins Auto verladen, Fedja düst schnaubend über Betonpisten nach Hause, landet weich und schaut Schießfilme. Im Schlafanzug. Was für ein Verlust. Ohne ihren Prince Charming-Tourmanager sind die Doctors auf Reisen stets unglücklich und so wird es auch eine stille Fahrt nach Wittenberg, als der späte Nachmittag in den kalten Abend hinein verreckt. Kein Radio läuft, manchmal fällt ein Wort, ein ganzer Satz, folgt ein kleiner Lacher, mehr nicht. Pichelstein lenkt den Diesel über den kargen Freiluft-Wurststopp knapp hinter Piesteritz direkt vor den Irish Harp Pub. Erst als beiden Doctoren leckere Getränke übergeholfen werden, ist die Welt wieder einigermaßen im Lot.

 

 

Im Irish Harp buckeln wie eh und je Wirt und Gitarrendoctor die Bühnenecke zurecht. Da alle Kabel mit XLR-Adaptern umgerüstet werden müssen, um ins Multicore Richtung Mischpult gesteckt werden zu können, zieht sich der Aufbau hin. Makarios rückt derweil den Kaufmannsladen ins schummrige Licht. Heute im Angebot: Mehr Schnaps in Flaschen als Musik in Dosen. Beim Soundcheck wächst die Überlegung, ob man nicht bald auch Kippen (aka Teezigaretten) ins Sortiment nehmen sollte? Wer kennt das nicht, vor allem als gestandener Festivalbesucher? Lauter Merch! Klamotten! Platten! Bücher! Sogar Bettwäsche! Wohin das Auge reicht. Und am dritten Tag nichts mehr zu rauchen dabei, alle Automaten leergezogen. Da würde man sich nach einer Stange weißrussischer Kippen die Finger lecken bis die Lunge wieder fiept.

 

Anschließend wird nach arabischer Karte gespeist, der Pub ist bereits proppenvoll. Viele Gesichter erkennt man wieder, das Ehepaar da am Klavier, das saß doch letztes Jahr schon da! Live-Grüße kommen sogar aus Kiel. Ohne Luther keine Kieler in Wittenberg. Eine ganz einfache Rechnung. Danke dafür, Martin. Ohne Luther gäbe es vermutlich auch keinen Irish Harp Pub. Da wollen wir uns Summa summarum gleich mal verbeugen. Für mittlerweile 11 Doctors-Konzerte an diesem feinen Ort. Am 01. März 2008 fand hier die erste Pratajev-Sause statt, in der Folge dann in jedem Jahr. Wie gut, dass man ein Tourtagebuch hat. Erinnerung daraus: „Vom Tresenwesen zurück an die Mikroständer – dem zweiten Intro folgen Heimat- und Tierlieder; Polytoxe und Polygame schunkeln sich in Stimmung. Jeder zweite im Publikum scheint einen Fotoapparat bei sich zu haben, Willis Kamera dreht die DVD zum Fanal und als Stunden später die Gitarren schweigen, bereits das Lied der Kassierer erklingt, da gibt es einen weiteren Zugabewunsch. Er lautet: Gefesselt. „Könnt ihr das noch einmal spielen? Das ist unser absolutes Lieblingslied“, fragen zwei Mädchen von ganz vorn. Doktor Makarios lässt sich nicht lang bitten und erwidert: „Na, Wittenberg hat’s aber gut …“ und legt mit ruinöser Stimme los.“

 

 

Hat sich seit dem Debüt mit der laufenden Konzertnummer 146 entscheidendes geändert? Ja. Das Gros der Wittenberger wechselte mit den Jahren vom aktiven zum passiven Fetisch. Heute wird lautstark (aber weiterhin polytox und polygam) „Beim Bücken“ verlangt. Nicht mehr „Gefesselt“. Die Wittenberger fallen nicht mehr von Barhockern und rennen danach vor die Tür. Dort, wo man heute raucht, wurde früher gebrochen. Denn der Weg zum Klo war stets voller Leiber. Unfallfrei wäre man nie am Hygieneporzellan angekommen ohne klamme Klamotten bei anderen Gästen zu verursachen (um es nett zu umschreiben). Noch ein Stichwort, respektive ein Stichtier: Biber! Denn – von anderswoher ist es bisher nicht bekannt – Wittenbergs Biber beißen. Vorsicht ist weiterhin geboten. Nicht vorm eingewanderten Wolf aus der Dübener Heide, nein, vorm Biber. Los geht’s, das Konzert. Und ein großes „Hallo“ dazu an B.N. Guinnessoff.

 

 

Die Setlisten der Doctors sind wie das Leben, von dem man behauptet, es sei wie ein Pralinenkasten: Man weiß nie, was man bekommt. Aber selbst Pichelstein, der rasende Gitarrist auf dem Yamaha-Boliden, ahnt oft nur das erste Lied. So rockt, poppt, punkt und flegelt der weitere Verlauf des Abends vor sich hin. Luther-Chöre! Alle singen: "Tote Katzen im Wind" usw. Bereits zum ersten Pausengong liegen sich die Doctors nass in den Armen. Beim erneuten Schnellgitarre-Weltrekord zur „Harten Wirtin“ staunt mancher Bauklötze und will gleich die Doping-Polizei rufen. Doch die hat gerade im Wintersport mächtig zu tun, bevor es im Frühjahr zu den Apothekenrundfahrten geht. Pichelstein rutscht stets durch alle Kontrollen, und, an dieser Stelle sei es gleich verraten: Es ist der Wodka Bulbash. Von dem späterhin der gesamte Vorrat über den Tresen geht. Der Wodka, den man sich heute erbetteln muss, weil Fürst Fedja schnupft und Schießfilme guckt. Je mehr Bulbash, desto schneller die Hände, die Finger, die Akkorde. Bis zum Diskant, bis zu „Tasche auf“, „Hack“ und - wie sollte es anders sein? Bis zur allerletzten Mokka-Milch-Eisbar.

 

 

Fotos: Dankeschön an Ralph Wildgrube

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 28. Februar 2019 um 18:02 Uhr
 
22. Februar 2019, Dresden / Waldbad Weixdorf PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Doktor Pichelstein   
Dienstag, den 26. Februar 2019 um 20:46 Uhr

Unterm Orion (403)


Angeblich spielt ja das Februar-Wetter verrückt. Bloß weil die Russenpeitsche erst gegen Abend zuschlägt und man sich tagsüber nicht durch Schneewände graben muss. In Dresden-Weixdorf sind es bei Ankunft der Doctors knapp über null Grad, am nächsten Morgen wird die Gegend mit einer knackigen Eisschicht bedeckt sein, eine kalte, klare Nacht ihr bestes dazu beigetragen haben. Winter eben, nicht jeder Teich muss gleich zugefroren sein. Quakende Frösche, zirpende Grillen unterm Orion? Nö. Dafür rauchende Doctors in dicken Mänteln. Am liebsten würde man gleich mit meterlangen Schaschlikspießen aus der Küche ins kulinarische Gefecht ziehen, doch wie heißt es so ungerecht? Erst die Arbeit, dann volle Teller. Und so wird geschleppt, geackert, bis der Klang perfekt ist. Gerade als die ersten Gäste am Begrüßungswodka nippen, ist das letzte Soundcheck-Liedchen verebbt. Da die Doctors, außer bevor es ins Tonstudio geht, nie proben, ist meist der Soundcheck die Probe. Alte Kamellen, lange nicht mehr gespielt, und frische Bonbons reichen sich brennende Hände. Fürst Fedjas Job besteht zu diesem Zeitpunkt darin, den Tonmeister zu mimen.

 

Makarios: „Soll die Gitarre lauter?“

Fedja: „Nein! Leiser, ein ganzes Stück.“

Pichelstein: „Okay!“

 

Der Gitarrist dreht am Regler. Und kurbelt ihn nach oben. Ein wenig. Gitarristen sind so, jede Band kennt sie. Sie wollen immer die lautesten sein. Da frage sich noch einer, warum Doctor Makarios nach Konzerten immer so schön heiser ist. Genau. Weil ein Sänger zumindest einen µ (Mü) lauter als eine Gitarre sein muss. Alles andere wäre kaum im Sinne des Publikums.

 

 

Bald ist der Saal voll, dicht besiedelt sind Stühle und Tische. Alt und Jung hocken nebeneinander, das Ganze gemahnt an ein russisches Dorffest, in dem bald der berühmte Bär steppt. Fehlt nur noch Tschaikowskys 1. Quartett dazu, oder? Nein! Die Russian Doctors fehlen, dann ist alles perfekt an diesem Freitagabend. Sie stehen am Eingang, verkosten Rum, Gin, Bulbash und lassen sich zwischen Tür und Angel fürs diesjährige Dresdner Hechtfest verpflichten. Booking kann so einfach sein. Darauf noch einen, ja was denn? Egal. Nastrojve! Juhu, mit Schmackes hinein. Und noch eine rauchen, zum Orion hochblicken, Sterne schauen.

 

 

Wenig später: die eben noch Sitzenden haben sich größtenteils erhoben, einige ältere Semester pöbeln, sie wollen auch was sehen. „Bei Konzerten sitzt man doch.“ Ein Argument, das bei den Doctors nicht zählt.

Pichelstein: „Eins, zwei, drei, vier …“

Makarios und Pichelstein: „Da hält der Wind den Atem an …“

 

Los geht er, der Ritt durchs Pratajev-Universum und alle haben sich wieder lieb. Oft sträflich vergessene Titel rasen gleich zu Anfang durch den Saal. Cottbusserinnen wippen darunter mit den Hüften, Berliner Bären reißen Arme in die Lüfte, Dresdner und Innen tanzen gottbefohlen um die Schnapsbar. Textsicher und wunderbar. Mit leuchtenden Augen wie der Strahl von Millionen Sternen. Angenehm betrunken geht es in die Pause. Für 17 brandenburgische Minuten. Es ist Poesiezeit, Zeit für Zeilen aus: „Prumskis Erinnerungen an Pratajev.“

 

Pratajev betrat eine Bühne

Schon nach wenigen Minuten

Vollzog sich eine kollektive Übertragung:

Alle, vom kleinsten Kind bis zum ältesten Mütterchen, wollten so sein wie er

Schlagfertig, belesen, betrunken und intelligent

Stets war Pratajev umgeben von Menschen

Die ihm Gutes wollten

Die alles für ihn getan hätten

Weil sie wussten

Dass so einer nicht wiederkommt

Pratajev schien für sie unbesiegbar

Und erwiderte derlei Zuneigungen hemmungslos

Er musste sich nicht verstellen

Vor den Leuten war er ohne jeden Dünkel und ohne jede Scheu

Endlich war da einer

Der etwas Gutes nicht nur versprach

Sondern auch verschenkte

Der das Glück in Worte kleidete

Nur ein Beispiel:

Es gibt so viel Übles, so viel Banales auf der Welt

Lasst uns diesen Mist jetzt vergessen

Lasst uns trinken, feiern, lachen

Und überhaupt

Wieso ist mein Glas schon wieder leer?

 

 

Zurück auf der Bühne stellt sich diese Frage nicht. Nach jedem Schnapslied lockt der Nachschub, geht’s weiter im Set. Fürwahr, sogar eine Luxusbiene ist wieder dabei. Aus schwarzer Nacht hört man von draußen die Weixdorfer Rüsselhunde bellen und das Laub der Sträucher rollt sich vor Kälte zusammen. Wie schön, dass der Ofen heizt, man drinnen ist und … verdammt … die Zugaben immer näherkommen. Soll das heißen: „Das war’s für heute, Doctoren? Nicht noch eine Schnapsbar? Eine Tasche-auf-Tasche-zu? UND: Was ist mit HACK?“

 

Alles wird erfüllt. Nach so drei Stunden muss es gesamtgesehen gut sein für heute. Herrlich. Vor Rührung tropft Fürst Fedja sogar schon aus der Nase.

 

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 26. Februar 2019 um 21:49 Uhr
 
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